Lilu – Gesehen hat ihn nur einer/Teil 2

Zuckerwatte

Nach diesem Tag war ich müde. Mein Kopf fühlte sich an wie gesalzene Zuckerwatte. Über meinen Augen breitete sich ein Schleier aus, durch den alle Dinge nur unscharf und schwammig zu erkennen waren. Während des Abendessens hatte ich keine Lust, mit meiner Frau und den Kindern eingehende Gespräche zu führen. Ich war auch nicht fähig dazu: Den ganzen Tag über hatte ich wie wütend gearbeitet, als müsste ich den Krimi spätestens bis morgen früh fertig haben. Dabei wusste ich, dass ich wieder nur für die Schublade schrieb, weil sich kein Verleger dafür finden würde. Ich habe allerdings schon längst die Suche nach einem solchen aufgegeben.

Ich ging sehr zeitig zu Bett, vielleicht eine halbe Stunde nachdem nichts mehr von den Kindern zu hören war. Toni blieb alleine im Wohnzimmer zurück, wo sie noch Rezepte sortierte und nebenbei fernsah. Wenige Minuten genügten mir, und ich schlief wie ein Bär. Ich fühlte mich wohl; bis in den Schlaf hinein merkte ich, dass ich mich wohl fühlte. Eine gute Nachtruhe mit genügend Erholung für Körper, Geist und Seele war mir sicher. Ich schlief so fest, dass ich auch nicht merkte, wie Toni zu Bett ging.

Zwei- bis dreimal im Monat brauche ich eine Nacht wie die, von der ich erzähle. Es macht mir nichts aus, mehrere Nächte hintereinander – wenn die Arbeit dies erfordert oder wenn eines der Kinder krank ist und deshalb unruhig schläft – vergleichsweise wenig zu schlafen. Aber dann zwingen mich schwere Augenlider mit unwiderstehlicher Macht dazu, früh ins Bett zu gehen, auf dass mich ein herrlich erquickender Schlaf für mindestens zehn Stunden in seine wohligen Arme schließe.

Ich weiß bis heute nicht, was zum Kuckuck mich weckte. Es könnte natürlich dieses Wimmern gewesen sein, das in der Luft lag. Bewusst vernahm ich es jedoch erst, als ich schon auf den Beinen war, um aufs Klo zu gehen. Toni atmete in tiefen Zügen und schlief selig. So entging ihr, dass ich aufgestanden war.

Plötzlich war ich von diesem wimmernden, weinenden, fast ein weinig singenden Ton völlig in Anspruch genommen. Ich gestehe, dass ich Bammel hatte. Von Angst zu sprechen, wäre übertrieben, aber auch nicht ganz falsch. Ich ging in die Diele und lauerte und spähte. Ihr werdet mich für verrückt halten, wenn ich Euch sage, dass ich für einen kurzen Augenblick an ein Gespenst dachte. Eigentlich an einen Toten, der aus irgendeinem Grunde nicht die ihm zustehende Ruhe finden konnte und sich nun von mir – ausgerechnet von mir! – Erlösung erhoffte. Das Wimmern schien aus dem Dachgeschoss zu kommen.

Da war mir mit einem Male alles klar: Lilu! Ich hatte Lilu völlig vergessen und ihn im Arbeitszimmer eingeschlossen. Wie hätte Lilu vom Stamme der Lulis, klein wie er war, eine Tür öffnen können, an der sogar wir normalgroße Menschen erst mühsam und langwierig emporwachsen müssen?

In langen Sätzen sprang ich die Treppe hinauf. Das Arbeitszimmer war bis auf das bisschen Mond- und Sternenlicht, das durch das Fenster drang, dunkel. Früher hätte man überaus poetisch gesagt: Das Arbeitszimmer war in ein fahles Licht getaucht. Und irgendwo da in diesem Dunkel schluchzte und heulte Lilu – der große, tapfere und liebe Lilu. Ich knipste sofort das Licht an und sah meinen neuen Freund auf dem Schreibtisch neben der Schreibmaschine. Er saß mit dem Rücken an einen Radiergummi gelehnt und weinte. Sein ganzer Körper zitterte – von den Schuhen bis zur Pudelmütze.

Wenn ich geglaubt hatte, ich könnte nun einfach zu Lilu gehen, ihn auf die Hand nehmen, um ihn zu trösten, hatte ich mich getäuscht. Als er mich sah, stellte er sich vielmehr breitbeinig hin und schnauzte mich, die Fäuste gegen die Hüften gestemmt, an:

„Was fällt dir eigentlich ein, hm?“

Ich war unfähig zu antworten und stammelte nur:

„…A…Ach…Luli…Lilu!“

„Du glaubst wohl, es macht Spaß hier, glaubst du wohl? Hä? Und dann wird’s auch noch dunkel in deinem blöden Schreibmaschinenzimmer, in deinem blöden!“

Ich wagte nicht, ihm auch nur andeutungsweise zu sagen, dass ich ihn vergessen hätte. Lilu hätte mich – mit Recht – sein Lebtag lang keines Wortes mehr gewürdigt. Oh, ich schäme mich noch heute dafür!

„Solche Späße macht man nicht, solche Späße!“ belehrte er mich.

Ich ließ ihn in dem Glauben, ich hätte mir einen Scherz auf seine Kosten erlaubt, und sagte nur:

„Du hast völlig recht. Entschuldige!“

„Das kann durchaus sein, dass ich entschuldige, kann durchaus sein. Aber erst bietest du mir einen Tee an, und zwar einen Kamillentee bietest du mir an!“

Wir gingen in die Küche hinunter. Ich musste ihn tragen, weil die Stufen für ihn zu hoch waren. Als ich das Wasser auf den Herd setzte, kam meine Toni. Sie blickte noch ganz zerknittert drein und fragte:

„Was ist hier los?“

„Ist das deine Frau?“ fragte Lilu dazwischen.

„Ja, das ist Toni vom Stamme der Fuchs“, antwortete ich.

„Was redest du?“ fragte Toni.

„Ach nichts, ich rede mit Lilu.“

„Wer ist das?“

„Darf ich vorstellen…“

„Einen Moment, ich sehe hier niemanden. Nur dich und mich. Träumst du?“

„Aber nein. Ich mache Lilu einen Kamillentee. Er war allein im Arbeitszimmer und hat einen Schrecken bekommen.“

„Den bekomme ich da oben auch manchmal. Aber trotzdem versteh’ ich kein Wort.“

„Du Bernhard“, rief mir Lilu zu, „deine Frau sieht mich nicht, kann mich nicht sehen.“

„Dann mach’ dich sichtbar!“

„Das geht nicht, geht nicht.“

„Warum geht das nicht?“

„Weil ich nicht will.“

„Er kann sich nicht sichtbar machen für dich, weil er nicht will“, klärte ich Toni auf, als wären alle diese Dinge große Selbstverständlichkeiten für mich. „Das musst du schon akzeptieren.“ Ich redete so, als ob ich selbst alles längst verstanden hätte, was heute passiert war. Das traf aber keineswegs zu. Ich hatte mir einfach noch gar keine Gedanken über das Erscheinen von Lilu gemacht. Toni kennt mich und weiß, dass ich gerne absurde Gespräche führe. Sie tat, was sie in solchen Fällen gerne zu tun pflegt. Sie gab mir einen Kuss und sagte: „Ich liebe dich. Ganz fest.“

Das Wasser kochte. Ich goss das aus allen Poren dampfende Wasser in eine Tasse und ließ einen Teebeutel darin schwimmen. Ich wusste gar nicht, wie ich Lilu den Tee überhaupt servieren sollte. Er schien meine Gedanken zu erraten, da er spitzbübisch fragte:

„Du hast kein Geschirr für mich, gell? Meiner Größe bist du eben nicht gewachsen.“ Er wirkte souverän, über den Dingen stehend.

„Doofes Wortspiel!“ murmelte ich. „Weißt du denn, was ich machen soll?“

„Geh mit mir nochmal in dein Schreibmaschinenzimmer!“

„Und wozu das?“

„Wart’s ab!“

Ich sagte zu Toni, die mich ein wenig entgeistert ansah, sie möge doch in acht Minuten den Teebeutel aus dem Wasser nehmen, falls ich bis dahin nicht wieder zurück sein sollte. Ich wusste schließlich nicht, was Lilu mit mir vorhatte. Toni aber sagte nur: „Du schreibst zu viele Krimis.“

Im Arbeitszimmer legte ich meine Hand auf den Boden, und Lilu rutschte über den kleinen Finger herunter. Ich sah ihm an, dass er vor Stolz schier platzte. Er ließ seine Brust prall anschwellen und richtete sich zu voller Größe auf – was immer das bei einem Winzling von Lilus Größe heißen mag. Bei jedem Schritt schlenkerten seine Füße, als könnten sie genausogut in der Luft gehen. Am Ende des Bücherregals, in der hinteren Ecke links von der Tür, blieb er stehen. Mit einer einladenden Geste deutete er auf das Regalfach, das den Boden berührte, und wobei sein Gesicht vor Freude zu bersten schien, sagte er: „Mein Heim!“

Ich sah nichts, nur ein leeres Regalfach.

Dann sah ich doch etwas. Ich schnellte nach vorne.

„Was ist das?“

„Hier wohne ich“, sagte Lilu und spielte den Ruhigen. Er kam mir vor wie ein Gangster, der sich noch im Angesicht der Urteilsverkündung, und beinhaltete diese die Todesstrafe, seelenruhig die Nägel reinigt und dabei eine beschwingte Melodie pfeift.

Ein wunderschönes kleines Haus, das für Lilus Verhältnisse freilich eher eine Villa war, stand plötzlich im Regal, umgeben von einem herrlichen Garten mit Blumen, Bäumen und Sträuchern. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Zugleich fühlte ich eine angenehm milde Erregung in mir, wie man sie auch empfindet, wenn man junge Kätzchen, Hündchen, Äffchen oder auch Menschenbabys sieht oder gar auf dem Arm hält.

„Wohnst du da allein?“ fragte ich.

„Ja!“

„Und du putzt und versorgst alles alleine?“

„Sag’ mal, hast du schon einmal gehört, dass einem Lilu etwas Probleme bereitet hätte?“

„Und vorhin, als es dunkel war im Arbeitszimmer?“

„Ach was! Du solltest nur ein schlechtes Gewissen bekommen, weil du mich vergessen hast. Das war doch kein Problem. Pah!“

Er ging in sein Haus. Als er zurückkam, trug er ein Tablett mit einer Tasse, einem Löffel und einem Stückchen Zucker darauf. Das Zuckerstückchen war bestimmt nicht halb so groß wie eine Süßstofftablette.

„Jetzt musst du mich vorsichtig nach unten tragen, damit die Tasse nicht bricht.“

Und während ich ihn nach unten trug, sagte er: „Ich würde dir gerne zeigen, wie ich wohne, aber das geht nicht. Ich hoffe, du verstehst das. Du bist zu viel gewachsen. Das hättest du nicht machen dürfen. Ich hab‘ es ja auch nicht gemacht.“

„Du wohnst sehr schön, das sehe ich auch so“, sagte ich, und zum ersten Mal freute ich mich über meinen neuen Freund, den ich nie mehr im Arbeits-, Schreibmaschinen- oder einem anderen Zimmer vergessen wollte.

Teil 3 folgt nächsten Mittwoch.

Lilu – Gesehen hat ihn nur einer/Teil 1

Heute und an den kommenden Mittwochen präsentiere ich eine Reihe von Geschichten über einen gewissen Lilu, die ich in einer Zeit geschrieben habe, als das Händy anfing, unseren Alltag zu prägen. Vergnügsame Lesefreude wünscht Emsemsem!

Buchstaben

Es gibt auf der ganzen Welt nur einen Menschen, der Lilu kennt, und das bin ich. Genau genommen kennen ihn auch noch Toni, meine Frau, und Thimo und Bea, unsere Kinder, denen ich natürlich von Lilu erzählt habe und erzähle. Aber gesehen haben sie ihn nicht. Gesehen hat ihn nur einer: ich nämlich.

Eines Tages, an einem freien Samstag, saß ich an meinem Schreibtisch und arbeitete an einem Krimi. Ich war mir sicher, eine besonders knifflige Idee im Kopf zu haben, die mir die Nacht zuvor gekommen war.

Ich habe immer, kurz vor dem Einschlafen, wenn ich ruhig und entspannt daliege, die meisten, jedenfalls die besten, naja vielleicht nicht immer die besten, jedenfalls habe ich vor dem Einschlafen so manches Mal gute Ideen. Da meine ich immer, ich könnte morgen aller Welt beweisen, was sie an mir hat und dementsprechend einst an mit verlieren wird, und dass sie gut daran täte, mir und meinen beiden Büchern endlich mehr Beachtung zu schenken – eine wunschgenährte Illusion, weil es von diesen Büchern nicht viele gibt. Dann schlafe ich ein, und am nächsten Morgen sind die Ideen kaum mehr einen Pfifferling wert. Ihr Glanz vom Abend vorher ist matt geworden. Oder sie sind ausgelöscht, wie nie gewesen, und ich kann mich, allen Mühen zum Trotz, nicht mehr an sie erinnern.

So saß ich mindestens eine Stunde da und starrte auf die Schreibmaschine und das leere weiße Blatt Papier darin. Alles, was ich mir in Gedanken zurechtgelegt hatte, kam mir, sofern ich mir dessen überhaupt noch inne wurde, so richtig doof und kindisch vor. Ich schämte mich vor mir selbst. Aber zum Glück wusste ja niemand von meiner persönlichen Pleite, geschweige denn die ganze Welt. Fast fühlte ich mit den vielen Lektoren und Verlegern, die meine Werke bis auf die eine oder andere Ausnahme ablehnen.

„Na, du Schreibstift!“ rief mir plötzlich jemand zu. „Es klappt wohl nicht so, wie du’s gerne hättest, hm?“

„Das kannst du laut sagen“, erwiderte ich schmollend. Ich war so traurig über mein Missgeschick, dass ich mich gar nicht lange bei der Frage aufhielt, wer sich da aus heiterem Himmel mit mir in einem, wie ich finde, ziemlich frechen Ton unterhielt.

„Schreib’ doch mal den Buchstaben, auf dem ich stehe!“ forderte mich dieser Jemand auf. Mir kam diese Aufforderung etwas keck vor. Andererseits dämmerte in mir die Hoffnung, dass vielleicht ein guter Geist oder meinetwegen auch ein böser nach der Art der Kobolde gekommen sein könnte, um mir nun Buchstabe für Buchstabe (und wenn möglich mit Satzzeichen!) den Krimi in die Schreibmaschine zu diktieren. Ach, wäre das schön gewesen!

Da wurde mir erst so richtig klar, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Träumte ich denn noch immer oder schon wieder? Ich sollte einen Buchstaben schreiben? Das ließe sich ja noch machen. Aber ich sollte genau den Buchstaben schreiben, auf dem… Ich fragte nach:

„Welchen Buchstaben soll ich schreiben? Ich habe dich, glaube ich, nicht richtig verstanden.“

„Den, auf dem ich stehe.“

„Du stehst auf einem Buchstaben?“

Ich schloss, warum weiß ich nicht, die Augen.

„Ja, und den sollst du schreiben sollst du.“

„Und“ – ich schluckte – „wo stehst du?“

„Auf dem ‚L‘.“

Nun sah ich ihn! Er stand auf der L-Taste meiner Schreibmaschine, winkte mir zu und lachte über das ganze, breite Gesicht.

„Hallo!“ rief er mir zu und lupfte seine kleine gesprenkelte Pudelmütze zum Gruß. Dabei verneigte er sich höflich. Er war elegant gekleidet und trug einen dunklen Anzug, als würde er gerade zu einem Staatsempfang oder gar zum Wiener Hofball ausgehen. Oder trägt man da Frack? Der Anzug war ihm allerdings ein paar Nummern zu klein. Vielleicht musste er deshalb ein wenig schwitzen. Eine dunkelblaue, weiß getupfte Krawatte stach von einem makellos weißen Hemd ab. Seinem runden Bäuchlein war es zuzuschreiben, dass ich einen fröhlichen und lustigen Eindruck von ihm gewann.

„Na los! Drück’ schon!“ forderte er mich nochmals auf.

„Ich soll also die Taste drücken, auf der du stehst?“ fragte ich überflüssigerweise nochmals, wie um mich einer Sache zu vergewissern, die ohnehin schon so gewiss war wie der Stuhl, auf dem ich saß.

„Du bist ein typischer Schnellmerker von der Firma Langsam & Co.“, frotzelte er. Ich holte mit der rechten Hand aus und wollte schon den Zeigefinger auf die fragliche Taste niedersausen lassen.

„Willst du da stehenbleiben?“ fragte ich. „Ich könnte dich zerquetschen. Das will ich nicht.“

Da lachte er, und zwar so heftig, dass er sich auf den Tasten der Schreibmaschine kugelte und sich den Bauch halten musste.

„Ich bin schneller weg als du Eins sagen kannst!“ stieß er unter Lachtränen hervor. Nun denn! Ich erhob erneut den rechten Zeigefinger, und schon hatte ich die Taste gedrückt. Auf dem Papier stand ein kleines „l“.

„Und jetzt drückst du hier!“

„Wo bist du jetzt?“

„Hier oben!“

Aha! Prompt war mein Finger zur Stelle und drückte auf das „i“

„Hierher! Hier geht’s weiter!“

Er stand wieder da, wo er schon zuvor gestanden war.

„Du willst mich wohl verarschen?“ fragte ich unwillig, weil ich nichts verstand und auch nichts Besseres zu sagen wusste.

„Oh!“ sagte der Zwerg, der vor mir auf den Tasten der Schreibmaschine herumturnte, was sonst allein meine Finger tun, und tadelte mich:

„Dieses Wort will ich nicht gehört haben. Es ist unanständig und unangebracht. Aber so seid ihr Freizeitkünstler nun mal!“

Das fasste ich schon als Beleidigung auf. Aber da ich als Künstler nun mal auch neugierig zu sein pflege, ließ ich mich gar nicht erst darauf ein. Statt dessen drückte ich herzhaft auf die gewünschte Taste, ohne lange zu zögern, während er schon auf dem „u“ wartete und höhnte:

„Du bist aber wirklich langsam heute!“

Na schön! Ich drückte sofort auf das „u“ und wartete dieses Mal nicht weiter auf seine Instruktionen.

Auf dem Papier stand nun: l i l u.

„Gestatten“, sagte er, wieder ganz die Höflichkeit selbst, und verbeugte sich vor mir. „Lilu ist mein Name, allerdings mit einem großen ‚l’ vorne.“

Ich wollte schon aufstehen und ihm die Hand drücken, wie sich das so gehört, als ich merkte, dass das schlecht ging. Ich reichte ihm wenigstens meinen kleinen Finger, den er mit beiden Händen umfasste. Eigentlich war die ganze Situation blöd. Du meine Güte! Da taucht urplötzlich ein laufender Zentimeter auf, der sich auf den Tasten meiner Schreibmaschine breitmacht und mir sagt, was ich zu tippen habe. Und ich gehorche! Nur weil ich auf einmal an das Märchen von den Heinzelmännchen glaube, die nichts anderes zu tun haben als mir einen rasanten und alle Bestsellerrekorde brechenden Krimi zu diktieren.

„Du heißt Lilu?“ hakte ich unsicher nach, weil mir der Name völlig neu war.

„Jawohl, ich heiße Lilu und gehöre zum Stamme der Lulis.“

Ich war verblüfft oder sonst irgendwas. Jedenfalls verstand ich kein Wort. Stamm der Lulis? Ich kannte keinen solchen Stamm. War das ein Adelsgeschlecht?

„Und wer bist du?“ fragte Lilu. „Ich meine, außer dass du ein unhöflicher Tropf bist. Gehört sich das denn, sich nicht vorzustellen? Hm?“

„Bernhard“, antwortete ich sofort wie auf Befehl.

„Soso! Tststs! Ein Bernhard bist du. Und weiter?“

„Wie weiter?“

„Zu welchem Stamme gehörst du?“

Ich begriff wieder nichts. Was meinte der mit Stamm?

„Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch“, sagte ich verunsichert, als könnte ich das selbst nicht mehr glauben.

„Na, das sehe ich auch tu ich das. Wir sind alle Menschen. Bild’ dir da bloß nichts ein drauf! Aber ich möchte wissen, zu welchem Stamm du gehörst möchte ich wissen. Und zwar fix!“

„Stamm! Stamm! Ich weiß nicht, was du meinst!“ Ich wurde ungeduldig. „Ich lasse mir von keinem wie auch immer gearteten Luli oder Lilu…“ Ich war richtig in Fahrt.

Da begann er zu weinen:

„Ich möchte doch nur wissen, wie du heißt“, schluchzte er.

Oh, wie tat er mir jetzt leid, der Arme, und jetzt verstand ich auch, was er wissen wollte. Was tausend Worte nicht schaffen, schafft eine einzige Träne.

„Ich bin Bernhard vom Stamme der Hubers“, sagte ich.

„Jetzt ist alles klar“, sagte er und lächelte durch seine Tränen hindurch, die fast schon nicht mehr zu sehen waren und nur noch ein bisschen glänzten.

Teil 2 folgt nächsten Mittwoch.