Lilu – Die Fernsehfernbedienung/Teil 1

Ein Gedichtsel

Ihr wisst ja, dass sich Lilu vom Stamme der Lulis, der so groß ist, dass er bequem auf einer Schreibmaschinentaste stehen kann, oft und gerne als Dichter versucht – wie weiland der Ko­bold Pumuckl, den ihr vielleicht auch kennt. Eines Tages überraschte er mich mit dem fol­genden, wie er zu sagen pflegte, Gedichtsel:

O Nasobem,

dich gibt es nicht

im Tierpark

und im Brehm.

Doch Dichter gibt’s,

die lieben dich!

gez.

Morgenstern

und ich

Die folgende Geschichte hat mit genau diesem Nasobem-Gedicht­sel begon­nen. Er trug es, als er vor seinem Haus in einer Liege fau­lenzte, laut und deutlich vor, als wollte er ein ima­ginäres Publi­kum damit beeindrucken. Ich saß an meinem Schreibtisch und arbei­tete an ei­nem Theaterstück, das ich nie zu Ende gebracht habe.

„Wie kommst du zu diesem Nasobem-Gedichtsel?“ fragte ich Lilu.

„Selbst gedichtselt“, antwortete er.

„Du hast aber ziemlich unverschämt von Christian Morgenstern ab­gekupfert“, rieb ich ihm unter die Nase, nicht ohne meine litera­rische Bildung mit einem entsprechen­den Ge­sichtsausdruck zu unter­streichen.

„Was für ein Stern?“ fragte er.

„Christian Morgenstern. Der hat das Nasobem erfunden.“

„Was du nicht sagst! Ich kenne keinen Morgenstern kenne ich.“

„Das ist eine unverzeihliche Bildungslücke. Schämen solltest du dich.“

„Jetzt sage ich dir mal was, Herr Schreiberling! Ein Nasobem brauche ich überhaupt nicht abzukupfern brauche ich nicht. Weil die dein Morgenstern gar nicht erfunden hat, sondern im Zoo von Lilustadt gesehen hat. Da gibt es nämlich jede Menge Nasobems.“

„Wie bitte?“

„Jawohl!“

„Und wie sieht so ein Nasobem aus?“

„Geh in den Zoo von Lilustadt, dann weißt du’s.“

So also fing diese Geschichte an.

Ein Beamtenkörper schwitzt nicht

Wir hätten weniger Probleme mit dem Leben, wenn es nicht hin und wieder Tage gäbe, an denen das Aufstehen, egal um welche Uhrzeit, einfach als zu früh und fast schon men­schenverachtend empfunden werden muss. Und natürlich, so als hätte sich das Leben mit Haut und Haaren gegen uns Menschen verschworen, macht sich diese Qual gerade dann be­sonders heftig bemerkbar, wenn irgendeine Verpflich­tung zu einem ganz bestimmten Zeit­punkt ihr Recht einfordert und uns keine andere Wahl lässt als eben aufzustehen, egal um welche Uhrzeit, egal ob unser Körper noch schlafen möchte.

Damals hatte ich sogar im Kultusministerium in der Salvatorstraße zu tun. Dieses Haus ist mir seit ich es kenne etwas suspekt. Ob­wohl ich finde, dass die Menschen, die darin auf Kos­ten des Steuer­zahlers arbeiten, durchaus umgängliche und nette Zeitgenossen sind, mit denen man sich anregend unterhalten kann, haftet ihnen in meiner mentalen Abteilung für Vorur­teile etwas Dämonisches an, weil ich ihnen zutraue, dass sie menschliche Regungen, wie ich sie soeben geschildert habe, nicht kennen. Ihre körperlichen Regungen haben sich, so scheint es mir, voll und ganz aufsaugen lassen von dem Bewusstsein, zu einem bayerischen Staatsmi­nisterium zu gehören und so an Regierungsgeschäften teilzuhaben. Um es kurz zu machen: Ich ziehe diese Schlussfolgerung aus der Beobachtung, dass ein im Kultusministerium wirken­der Beamtenkörper nicht schwitzt, mag es heiß sein, wie es will.

Es war während einer Sitzung, die mich aus beruflichen Gründen in das Kultusministe­rium geführt hatte, und zwar mitten im schönsten Sommer. Die Luft war nicht nur heiß, sie lastete voll schwüler Feuchtigkeit schwer auf den Menschen, wenigstens auf denen, die nicht im Kultusministerium arbeiteten. Auf mir beson­ders.

Während ich in der Sitzung angesichts der Schwüle der Luft Unsäg­liches auszustehen hatte, obwohl ich schon bald nur noch in Hemds­ärmeln dasaß, folgten die Mitarbeiter des Ministeriums korrekt in ihren Anzügen verharrend den Gesprächen, und natürlich wand sich eine Krawatte – das überflüssigste Kleidungsstück überhaupt – um ihre Krägen. Ich wäre an ihrer Stelle wie ein Eiswürfelchen an der Oberfläche der Sonne verdunstet.

Doch in diesem Hause schienen keine menschlichen Gesetze zu gel­ten, etwa wonach man zu schwitzen hat, wenn es heiß ist. Nein, hier schwitzte und stöhnte man nicht, hier regierte man. Hier war man gegen jede Art von klimatischer Anfechtung immun. Es war ge­spenstisch, und noch heute durchrieselt mich ein leichter Schau­der, wenn ich daran zurück­denke.

In genau diesem Ministerium hatte ich nun an jenem Tage, da ich mich zäh wie Wachs fühlte und meine Glieder von Aufstehen gar nichts hielten, einen Termin, mor­gens um 9.00 Uhr.

Guten Morgen!

Es war ein Montag. Ich weiß noch genau, dass es ein Montag war; denn diesen Montag verbinde ich mit einem Anruf, der mich am Tag zuvor erreicht hatte. Rief doch tatsächlich eine Frau Horeb oder so ähnlich an. Toni war am Apparat. Aber Frau Horeb wollte mich sprechen. Es hätte etwas Dienstliches sein können, war es aber nicht. Statt dessen wollte diese Frau Horeb mit mir über irgendein Finanzierungskonzept reden, was ich ohne weiteres Zuhören als Werbung einstufte. Ich empfinde Werbung über das Telefon seit je­her als läs­tig, an einem Sonntag aber als schlicht unverschämt, auch wenn die Leute an solchen Tagen, wie diese mir unbekannte Frau Horeb meinte, am besten zu erreichen seien. So beendete ich das Gespräch auf eine sehr abrupte Weise.

Ich bin nahe daran zu schreiben, in mir hätte eine anonyme Macht getobt, als ich an jenem Montag Morgen das Haus verließ. Aber so drama­tisch verhielt es sich nicht. Wenn etwas in mir tobte, dann war es einfach der physische Teil meiner Existenz, der sich nicht und nicht damit zufrieden geben wollte, wach sein zu müssen und noch immer nach Schlaf gierte, nach Schlaf, der vor etwa einer Stunde abgebrochen werden musste. Gegen diese Gier schritt aller­dings mein ethisches Bewusstsein ein, das mir gebot, schön brav der Pflicht nachzukom­men, die in Form des bayerischen Kultusministeri­ums mit dem Zeige­finger auf mich wies und unablässig sagte: „Du hast um 9.00 Uhr einen Termin, den du einhalten musst, ob es dir passt oder nicht.“

„Guten Morgen!“, rief ich, Fröhlichkeit heuchelnd, meinem Nach­barn zu, der sich gerade ins Auto verfügte, während ich mich auf den Weg zur S-Bahn machte. Wer heute etwas gel­ten will, darf nie­mals mürrisch scheinen oder gar müde; er hat locker, froh und ge­lassen zu wirken. Deshalb war ich froh, dass ich nicht noch mehr Nachbarn einen guten Morgen entge­genschleudern musste.

Der Tag schien vor Fröhlichkeit und Lebenslust überzuschwappen. Sogar Fiffi, die Nach­barskatze, die ansonsten bei meinem Anblick zwar gemächlich, aber immerhin das Weite sucht, tapste auf mich zu und strich mit zartem Miauen um meine Füße. Schlange müsste man sein: sich häuten, wenn man die Nase voll hat, und doch der Glei­che sein. So ein Tag ist reine Zeitverschwendung. Es ist wie beim Tauziehen: Man zieht mit aller Kraft, von der man an solchen Tagen nicht gerade viel aufbringen kann, während sich am anderen Ende des Taus der Rest der Welt entgegenstemmt. Ach was, entgegen­stemmt! Mit dem kleinen Finger wird man überwältigt.

„Guten Morgen! Tolles Wetter, was!“ grüßte der Nachbar zurück. Was hat mich dieser Herr Nachbar so überzogen freundlich zu grüßen! Das ganze Jahr über wünscht er mir kei­nen guten Morgen, weil wir uns am Morgen nie über den Weg laufen. Wahrscheinlich hat er Urlaub. Da kann man sich leicht über das Wetter auslassen.

„Der zieht auch am Seil gegen mich mit dem Rest der Welt“, dachte ich.

„Was für ein Seil meinst du, wenn ich fragen darf.“

„Du darfst aber nicht fragen.“

Es war Lilu, der mir als nächstes auf die Nerven ging.

Teil 2 folgt nächsten Mittwoch.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

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