Ein etwas anderer Tatort

Wieder einmal sind Dreharbeiten angesagt. Den Schauspielern nach, die ich zu erkennen glaube, könnte es sich um einen bayerischen „Tatort“ handeln. Die Location befindet sich in der Nähe eines Hotels in der Münchner Innenstadt, in dem aus Prestige- und vor allem Kostengründen bevorzugt die Reichen und Schönen absteigen. In dieser Gegend sind häufig Autos zu sehen, auf die die Bezeichnung „Limousine“ eher zutrifft. Manche Geschäfte sind so exklusiv, dass sie keine Hemmungen haben, ein Paar Herrenhalbschuhe für knapp 5.000 € anzubieten.

Gelegentlich verirrt sich, wie heute, ein Bettler in diese Gegend. Er sitzt, an eine Hauswand kauernd, auf dem Bürgersteig, vor sich ein Pappschild mit der Aufschrift „Ich habe Hunger“. Sein Gesicht macht einen leicht verschmitzten, vor allem aber abgehärmten Eindruck.

Für Dreharbeiten außerhalb eines Studios ist ein großer logistischer Aufwand erforderlich, der sich in mehreren großräumigen Fahrzeugen ausdrückt, die reichlich Parkraum beanspruchen. Dazu gehört ein Wagen für das Catering, wie man die Verpflegung heute nennt. Zufall oder nicht: Dieser Wagen parkt ziemlich genau gegenüber dem Bettler.

Als ich um die Mittagszeit vorbeikomme, hält er einen leergegessenen Plastikteller und eine gebrauchte Plastikgabel in die Höhe, als wolle er sie mir geben. Was aber soll ich damit anfangen? Es für ihn in den nächsten Abfalleimer werfen? Wie sich jedoch herausstellt, bin ich gar nicht gemeint, sondern eine Frau, die hinter mir auf ihn zugeht und offensichtlich für das leibliche Wohlergehen der Filmcrew zuständig ist. Ich begreife, dass er das Geschirr zurückgeben möchte. Statt jedoch einfach nur Teller und Gabel wieder einzusammeln, fragt ihn die Frau, als wäre sie so etwas wie seine Gastgeberin: „Möchten Sie mehr?“

Ein etwas anderer „Tatort“, und was für einer!

Was machen Sie beruflich?

Da wird man an der rechten Schulter operiert, weil da was zum Operieren ist, und schon kommt man über etliche Monate in den Genuss physiotherapeutischer Behandlungen. Dabei geht es schmerzhaft zu, und gelegentlich bedeckt nach verabfolgter Behandlung das zarte Rosa der Haut auch ein blauer Fleck.

Ich habe den Eindruck, dass diesen Beruf überwiegend Frauen ausüben. Aber glauben Sie mir: Die wissen sich Männern gegenüber, insofern es sich um Patienten handelt, meisterhaft zu behaupten, und ihre körperliche und geistige Stärke, die für so einen Beruf unbedingt erforderlich ist, beziehen sie gewiss nicht aus der feministischen Literatur, sondern aus ihrem beruflichen Alltag.

Weiterlesen „Was machen Sie beruflich?“

Schmmmeckt

Wie lassen sich die Wörter Zetermordio, weichmütig und backen (Schreibeinladung vom 3.1.21) in einen Text unterbringen? So vielleicht:

Statt süßem Kuchenbäckerduft
verpestet Brandgeruch die Luft.
Jedoch kein Zetermordio
entschlüpft Clothild, sondern nur „O!“.

Streng mustert sie das Backmalheur.
Da muss ein neuer Kuchen her,
und bald zieht in bewährter Weise
ein Teig weichmütig knetend Kreise,

bis ihn Clothilde löst vom Haken
um ihn sodann goldbraun zu backen.
Diesmal gelingt das Werk perfekt.
Clothilde schleckt nur und sagt: „Schmmmeckt.”

Zu den abcEtüden der Wochen 47/48 2020

Eigentlich entspricht das ja nicht meiner üblichen Art zu schreiben. So auf Kommando dreier Wörter. Andererseits haben diese drei sofort meine Intuition angespornt, als sie mir Monika vorgelegt hat: Quelle, griesgrämig, stöbern

Ein alter weißer Mann hat nichts zu bereuen

Welt, du tust mir wirklich leid. Alle hacken auf dir rum. Manche sehen dich sogar am, wenn nicht schon im Abgrund. Falls es dich tröstet: Man macht mich verantwortlich. Denn ich bin ein alter weißer Mann. Alles drei habe ich mir allerdings nicht ausgesucht: alt, weiß, Mann.

Unsereins hätte kein Interesse an der Zukunft, heißt es. Wir würden uns vorsätzlich an ihr versündigen. Woher nehmen die bloß ihre Weisheit? Soll ich etwa die Atmung einstellen? Ich hänge am Leben wie jeder andere. Nur wird die Zukunft manchmal überschätzt. Denn wer die Zukunft erreichen will, muss den Weg über die Gegenwart nehmen. Wer Hunger hat, will nicht bis morgen aufs Essen warten müssen. Hier und jetzt wird gelebt und Verantwortung getragen, auch für die Zukunft, und wenn mich Ewigmorgige für einen Ewiggestrigen halten, juckt mich das nicht. Ich habe in meinem langen Leben weiß Gott Verantwortung genug getragen.

Ich gebe ja zu, dass ich mich manchmal in die Zeit zurücksehne, da ich ohne körperliche Wehwehchen sorglos vor mich hinleben konnte. Das sind immerhin Tage, die ich konkret durchlebt habe. Was morgen kommt, soll kommen, soll mich aber nicht belasten, sondern eine Quelle der Hoffnung sein. Vielleicht bin ich im Laufe der Jahre ja wirklich ein wenig griesgrämig geworden. Ich entziehe mich manchmal gerne nur der alltäglichen Aufregung und eurem Geschnatter, um in der Truhe meiner Erinnerungen zu stöbern. Das tut niemandem weh, und mir tut es gut. Wenn ich alter weißer Mann nichts anderes zu bereuen haben sollte als dass ich ein alter weißer Mann geworden bin, hätte ich nichts wirklich zu bereuen, und wenn ich mir im Laufe der Jahre dazu noch eine Prise Weisheit erworben habe, umso besser. Denn älter wird man von alleine, weiser nicht. Du weißt, was ich meine, Welt. Du hörst mir wenigstens zu.

Mitmachspiele

Den folgenden Zeitungsausschnitt muss ich erklären. Als Student habe ich den Münchner Merkur einmal für zwei Wochen probeabonniert. In dieser Zeit habe ich an einem Mitmachspiel der Wochenendausgabe teilgenommen. Man sollte einer Giraffe, der gerade der Hals geschrubbt wird, Worte in die Sprechblase legen. „Ohne Flecklöser geht da gar nix, das kannst Du mir glauben“, lautete mein Vorschlag, und prompt gewinne ich 100 Mark. So ein Probeabo lobe ich mir. Fester Abonnent bin ich allerdings nicht geworden.

Viele Jahre später habe ich an einem ähnlichen Spiel der Satirezeitschrift „Eulenspiegel“ teilgenommen. Eine Karikatur stellte eine typische Zahnarztszene dar. Welchen Textvorschlag ich genau machte, weiß ich nicht mehr. Aber das dürfte ziemlich genau hinkommen: „Alles muss raus. Ich schließe die Praxis.“ Mit großer Freude konnte ich dafür 15 € auf der Habenseite verbuchen.

An der Grenze eines Begriffsvermögens

Da fällt mir ein, dass ich endlich einmal die folgende Geschichte aufschreiben sollte.

In deren Mittelpunkt stehen zwei Männer, nämlich der Sozialwissenschaftler Max Wingen (1930-2005) und ich.

Während einer familienpolitischen Tagung saßen wir abends in gemütlicher Runde beisammen und ließen die Eindrücke des Tages Revue passieren. Wie das so ist, kristallisierten sich mit vorrückender Stunde Gesprächsgruppen und -grüppchen heraus, die sich jeweils in ein spezielles Thema vertieften, so dasjenige mit Max Wingen und mir. Ich erinnere mich nur dumpf an das Thema, das uns beide in seinen Bann zog, vor allem mich. Es dürfte um den Begriff Arbeit und sein Verhältnis zur Familie gegangen sein. Ich sparte nicht mit steilen Thesen und Ideen, die Wingen tapfer seiner wissenschaftlichen Kritik zu unterziehen suchte, ohne mich jedoch in Schach halten zu können. Im Gegenteil!

Kurz nach Mitternacht – daran erinnere ich mich durchaus noch – nutzte Wingen eine von mir eingeschobene Redepause, um, was ich rückblickend als besondere Leistung anerkenne, ernüchtert festzustellen: „Schön und gut, Herr Huber, was Sie da sagen. Aber ich habe kein Wort verstanden.“ Und mit einem freundlichen „Gute Nacht“ verabschiedete er sich auf sein Zimmer.

Somit kann ich mich rühmen, einen anerkannten Wissenschaftler, der ein beeindruckendes Werk geschaffen hat, an die Grenze seines Begriffsvermögens herangeführt zu haben.

Im übrigen plagen mich steile Thesen und Ideen bis heute, obwohl ich dem Alkohol nicht mehr zuspreche. Das muss mir also von Natur aus im Blut liegen.

Lob der Schlummertaste

Die Segnungen der modernen Technik sind vielfältig. Äußerst segensreich sind die modernen Wecker, genauer deren Schlummertaste.

Dieses Heavy-Metal-Monster hat mich als Schulbub in den 1960er Jahren um den Schlaf gebracht und kann noch heute die Gehörgänge im Umkreis von mehreren Kilometern zum Einsturz bringen. (Foto: Bernhard Huber)
Weiterlesen „Lob der Schlummertaste“

Nachtrag

Am 28. Januar 2019 habe ich hier über Aster Maria geschrieben, eine Frau, die sich aus mancherlei gründen einen festen Platz in meinem Herzen erobert hat. Sie, die selber im Armenhaus gewohnt hat, hat mir zur Erstkommunion eine Glückwunschkarte geschenkt, die sie bestimmt viel gekostet hat. Aber sie war davon überzeugt, dass man Gott schenkt, was man einem Kind schenkt. Eine andere Bewohnerin des Armenhauses machte es übrigens genauso: Lina Trifterer. Jetzt habe ich diese beiden Karten wiederentdeckt und möchte damit gerne meinen Beitrag von 2019 ergänzen.

Das ist die Karte von Aster Maria.
Das ist die Karte von Trifterer Lina.