Lilu – Nur ein bisschen weiter/Teil 2

Nachtkühl

Ich hatte keine Lust, weiter mit Lilu zu streiten. Als Müßiggänger saß er am länge­ren He­bel, an dem ich auch gerne sitzen würde. Da er mir nun auch das Lesen ver­leidet hatte, ob­wohl diese Charles Dickens-Geschichte alle unguten Stimmungen im Nu zu vertreiben in der Lage ist, ließ ich ihn gewähren und er begann zu erzählen:

Dieser Dings, wie heißt er nochmal? Ach ja, die­ser Ebenezer Scrooge lag, als wäre er das Elend persönlich, un­ter einer Brücke. Er war bis unter die Haut verdreckt. Sein Gewand war zerschlissen und fadenscheinig; an mehr als nur einer Stelle war durch die Löcher hin­durch die nackte Haut zu sehen. Nur sein Mantel war einigermaßen intakt, wenn auch viel zu dünn für diese kalte Weihnacht. Am Brücken­bogen spiegelten sich die zitternden Wel­len des Flusses, auf dem der Mond sein nacht­kühles Licht ausbreitete.

„Nachtkühl?“ unterbrach ich ihn. „Nachtkühl? Was ist das denn? Das habe ich noch nie gehört, geschweige denn dass ich jemals ein nachtkühles Mondlicht ge­sehen habe.“

„Das wundert mich nicht, du Banause! In der Geschichte ist es Nacht, und es ist kühl, und der Mond ist voll. Und du wirst dir jetzt diese Geschichte von Charles Dickens anhören wirst du dir! Denn ich erzähle sie, und es ist meine Geschichte! Was geht mich dieser Charles Dickens an, wenn ich seine Geschichte er­zähle? Wenn ich sie anders erzähle als er, dann hat er sie eben falsch er­funden und geschrieben. Und bei mir ist das Mondlicht nachtkühl. Und damit ba­sta! Wenn du mich noch einmal unterbrichst, wende ich meinen Bernhardhuber­maulstopftrick an, dann wirst du schon sehen!“ Und er er­zählte weiter.

Also der Mond breitete sein nachtkühles Licht über den Fluss aus. Glücklicherweise war diese Nacht, obwohl klar, nicht so grimmig kalt wie die Nächte davor. Im Sommer la­gen hier bis spät abends die Nackten. Sie entzündeten of­fene Feuer, auf denen sie grillten und um die sie grölend herumtanz­ten. So spielten sie, ein paar Autokilome­ter oder U-Bahn-Statio­nen von ihren weichen Betten entfernt, Frei­heit in der Natur. Leute wie Scrooge hatten nichts da­bei zu su­chen. So weit ging die Na­turliebe denn doch nicht, sich auch mit den Pennern ge­meinsam um ein Lagerfeuer zu set­zen. Lagerfeuer ist nur dann roman­tisch, wenn ich jederzeit die Möglichkeit habe, mein Essen auf einem feinen Herd zuzuberei­ten. Die Penner mussten dann ihr Lager an­derswo auf­schlagen. Nur in den kalten Winternächten gehörte die Brücke und das ganze lange Ufer ihnen.

Das Feuer, das sich Scrooge angefacht hatte, glimmte noch ein wenig. Es hatte nichts mit dieser faden­scheinigen bis exhibi­tionistisch-nackten Sommer­freiheit zu tun, son­dern diente dem Leben, dem Überleben.

Da verspürte Ebenezer einen Ruck an seiner Seite. Charly hatte Platz genommen und sich dicht an ihn herangescho­ben.

„Hallo Ebenezer! Du solltest nicht schlafen in Nächten wie die­sen. Du kannst dir den Tod holen.“

„Ich habe nicht geschlafen. Ich habe ein wenig gedöst. Und außer­dem ist es gar nicht so kalt.“

„Zum Erfrieren würd’s reichen. Sogar der Fluss ist zuge­froren. Hier trink!“

Charly hielt Ebenezer eine Flasche mit billigem Aldi-Whisky hin.

„Danke! Ich mag nicht.“

„Bist du krank?“

„Gesund ist keiner von uns. Aber ich mag dieses Zeug nicht, weil ich es oft trinke, um nicht ganz verrückt zu wer­den.“

„Und heute willst du verrückt werden?“

„Vielleicht.“

„Weißt du, was ich dir sage: Es ist schon klug eingerichtet in die­sem Lande, nämlich dass Weihnach­ten im Winter ist. Da ge­ben die Leute mehr. Du setzt dich eine Stunde vor den Karstadt, und schon hast du genug für eine Flasche. Prost!“

„Prost! Ich denke an früher, gerade heute am Weih­nachtsabend. Und ich weiß nicht, ob ich den Weihnachtsgei­stern dankbar sein soll, oder ob ich sie verfluchen soll. Ih­retwegen bin ich, was ich bin.“

„Fängst du schon wieder mit deiner Geisterge­schichte an!“

„Du glaubst mir nicht, ich weiß, aber ich schwöre: In nur einer Nacht haben der Geist der vergangenen, gegenwärti­gen und zukünfti­gen Weih­nacht einen anderen Menschen aus mir gemacht. Erst war ich ein Geizhals und dann habe ich mein ganzes Geld für Weihnach­ten und Nächstenliebe aus dem Fen­ster geschmissen. Es hieß überall, niemand könne so Weihnachten feiern wie der alte Scrooge.“

Es begann leise zu schneien, und Ebenezer Scrooge blickte traurig auf die glitzernden Schneeflocken, die sacht zur Erde sanken. Die Stille hier unter der Brücke war für ihn durch den Schnee, der rasch die Erde bedeckte, nur noch ungestümer wahrzuneh­men.

Unterdessen saßen irgendwo – ich weiß nicht ge­nau, wo, aber ich weiß, es war an einem unterirdi­schen Ort in den bayerischen Alpen – drei sonder­bare Gestal­ten beisammen. Sie aßen seltsame Spei­sen, von denen kein Mensch satt wer­den würde, die ihnen aber scheinbar ausneh­mend gut schmeckten. Denn sie gaben laute Kaugeräu­sche von sich; und das, was sie tranken, könnte niemals den Durst eines Men­schen löschen, schon gar nicht den Durst von zwei, drei, tausend oder Mil­lionen Menschen. Aber diese drei tranken und waren zufrie­den und in be­ster Stimmung.

Was waren das für eigenartige Erscheinungen? Dass es nicht mehr als Erscheinungen waren, würde ich sogar vor Gericht mit einem Eid beschwören. Um es kurz zu machen: Es wa­ren die drei Weihnachts­geister Gestern, Heute und Morgen.

Geist Gestern sah durch ein Sehrohr, dem winterlichen Schnee­treiben auf der Erdoberfläche zu.

„Deifi! Deifi!“ sagte er. „Heut’ haut’s an Schnee aba oba.“

„Wie bitte?“ fragte Geist Morgen, der entgeistert von sei­nen Un­terlagen hochblickte, in die er sich vertieft hatte.

„Kollege Gestern meinte“, sprang Geist Heute hel­fend ein, „heute haue es, Teufel! Teufel!, den Schnee aber hinabi.“

„Hinabi?“

„Herunter. Kollege Gestern hätte auch sagen kön­nen: Teufel! Teu­fel! Heute schneit es besonders heftig.“

„Und warum tut er’s dann nicht?“

„Weil er im Tiefsten seiner Seele all die Jahr­hunderte hindurch Bayer geblieben ist.“

„Du bist auch ein Bayer.“

„Aber ein münchner Bayer. Geist Gestern ist Nie­derbayer.“

Geist Gestern schien das Gespräch nicht wahrzu­nehmen. Er war von dem Schneetreiben fasziniert: „Deifi! Deifi!“

„Er soll den Teufel aus dem Spiel lassen.“

„Ha?“ fragte Geist Gestern. „Wos is?“

„Du sollst ned oiwei Deifi sag’n, moand a.“

„So, moand a des?“

„Allerdings meine ich das“, entgegnete Geist Morgen von oben herab. „Wir sind hier gewissermaßen im Himmel.“

„Mia san in de Berg und ned im Himme!“

„Aber wir sind Boten des Himmels und dazu da, den Men­schen Weihnach­ten bewusst zu ma­chen. Und jetzt hör’ auf, dauernd durch das Sehrohr zu glotzen. Wir ha­ben zu tun. Können wir endlich begin­nen?“ Er schien unter der Last seiner Verantwortung zu leiden.

„O tempora, o mores!“ seufzte er hörbar.

Geist Gestern und Geist Heute setzten sich an den Tisch.

„Wos moand a?“ tuschelte Geist Gestern zu seinem Nach­barn.

„Des heißt: O Zeiten, o Sitten!“

„Warum sogd a des auf Französisch?“

„Des is Latein.“

„Können wir jetzt endlich unsere Sitzung eröff­nen?“

Geist Gestern erhob sich ruckartig von seinem Stuhl, den er dabei umstieß, und polterte los:

„Wos pressiert’s da denn a so? Wenn jemand Zeit hod, dann san des mia Geista, host me? Mia richdn uns de Zeit ei, wias uns basst, bas­ta! Des ham mia no oiwei a so gmacht! Du selber host beim Scrooge Ebenhauser…“

„Ebenezer“, korrigierte Geist Morgen leise.

„Gell, du woaßt as! Mei Liaba, du deafst de z’sammreissn!“ Geist Gestern nahm wieder Platz.

Geist Morgen blickte leicht indigniert drein, ohne sich und sein Verhal­ten jedoch im geringsten in Frage zu stellen – auch nicht ange­sichts des obstinaten Kollegen aus Niederbayern. Schöner Geist so­was!

„Bei Scrooge“, erwiderte er, „war die Situation eine be­sondere.“

„Des is ganz Wurscht! Du konnst me …“

„Ja, ich glaube“, ging Geist Heute dazwischen, „mia soitn jetz tatsäch­lich ofanga. Mia ham zwar Zeit in Hülle und Fülle, aba i hob ned endlos Lust da herin zum hocka.“

Und endlich begannen sie mit ihrer mysteriösen Sitzung.

„Also“, ergriff Geist Morgen das Wort, „wie jedes Jahr zu Weih­nachten, so ist es auch heuer wieder un­sere Aufgabe, einen Weihnachts­muffel auszuwählen, um ihm die Bedeutung des Weih­nachtsfestes bewusst zu ma­chen.“

„Weißt du, Ebenezer Scrooge, an Weihnachten werde ich immer ein wenig sentimental. Und wenn es hun­dertmal kalt ist hier unter der Brücke am Fluss, der schon seit ein paar Tagen zugefroren ist! Wenn es keinen Schnee gäbe, dann wäre es für mich sowieso kein Weih­nachten.“

Scrooge hörte nur ungern zu. Er dachte an früher, an seine unbe­schwerte Kindheit, als Weihnachten noch ein freudiges Abenteuer für die ganze Familie war. Aber auch an die Zeit, da sein Kompa­gnon Mar­ley schon längst tot und er sich zum erfolgreichen Ge­schäftsmann gemausert hatte. Alle, die Geld von ihm wollten, waren doch nur nei­disch auf seinen Reichtum, auch die bettelnden und sich als wohltä­tig gebärdenden Herrschaften, die für Sträflinge Geld sammel­ten. Für Sträflinge! Das musste man sich einmal vorstellen. Damals war Weih­nachten nichts für ihn. Sein Leben verän­derte sich nicht durch Weih­nachten, seines nicht. Und heute? Hier neben Charly unter der Brücke? Ja, jetzt kommt jedes Jahr diese Wehmut an Weihnachten, diese Trauer, weil er Weihnachten im Grunde nicht mehr erlebte, obwohl er wusste, dass Weihnachten war – ja, weil er wusste, dass Weihnachten war. Damals drang kein Funke von Weih­nachtsgefühl in sein Herz.

Aber dann suchten ihn eines Jahres diese Geister heim und zwan­gen ihm diese grässliche Weihnachtssentimen­talität auf, die ihn seither nicht mehr losließ. Und das nach einem anstrengen­den Bürotag, an dem ihn jeder, dem er begegnet war, mit fröhlichen Weihnachtswün­schen belästigte, allen voran sein Neffe, und sein Bürogehilfe wollte zu allem Über­fluss jedes Jahr auch noch früher heim zu seiner Fami­lie. Dann kamen regelmäßig auch diese fein gekleideten Bett­ler, die sich um einge­sperrte Verbrecher kümmerten. Doch Scrooge küm­merte sich damals um nichts als um sein Geld und schmiss sie alle Jahre wieder hochkant raus.

Scrooge stand plötzlich auf und wollte gehen.

„He, Scrooge!“ rief Charly. „Was ist? Bleib bei mir! Zu zweit ha­ben wir es nicht so kalt. Wo willst du hin in ei­ner Nacht wie die­ser?“

„Zum Sterben“, murmelte Scrooge.

„Was sagst du?“

„Ich will mir nur die Beine vertreten“, sagte er jetzt lauter.

„Warte! Lass mich mitkommen. Ich will heute an Weih­nachten nicht allein sein.“ So erhob sich auch Charly, doch Scrooge versank in die Dunkelheit.

„He, Scrooge!“ rief er. „Warte! Lass mich nicht allein! Heute nicht!“ Charly begann wie ein kleines Kind zu flen­nen. „Scrooge! Es ist doch Weihnachten! Bleib wenigstens du bei mir!“ Doch Scrooge hörte nicht.

Scrooge war nicht weit gegangen, vielleicht einen halben Kilome­ter, als er ein leises Säuseln der Luft wahrnahm.

„Pst!“ machte es.

Er sah um sich, konnte jedoch nichts erkennen. Er ging einige Schritte wei­ter. Wieder hörte er: „Pst! Ebenezer!“

Was hatte das zu bedeuten? Wer flüsterte da seinen Na­men?

„Na, Ebenezer Scrooge, wos is los mit dir?“

Scrooge hörte eine Stimme, er verstand jedoch die Spra­che nicht.

„I hob di ganz genau mit’m Sehrohr gseng.“

„Wie bitte?“

Dann hob von irgendwoher ein aufgeregtes Getu­schel an:

„Geist Gestern! Du hast alles verdorben! Du musst deut­lich, und das heißt deutsch reden! Hier hilft dein bayerischer Dialekt nicht weiter!“

„Wenn der ned versteht, wos i sog, dann sog i gar nix mea!“

Jetzt fuhr Geist Morgen aus der Haut: „Dann hau doch ab, Idiot! Mit deinem blöden bayerischen Dia­lekt machst du ja die ganze Zunft lächerlich.“

Geist Gestern vertrug viel, aber nicht alles, und was er gar nicht vertrug, war die Beleidigung sei­ner bayerischen Mut­tersprache. Mit hochrotem Kopf drehte er sich, ohne ein Wort zu sagen, um und lös­te sich im Weggehen in Luft auf.

„Naa! Hoid!“ rief Geist Heute. „Bleib do!“

„Ach lass ihn doch, den Heini! Wir werden auch zu zweit mit Ebenezer Scrooge fertig. Geist Heute blickte seinen Kollegen Morgen verdutzt an:

„Spinnst du? Glaubst du, i hob Lust, dass i sei Arbat mach? I hob gnua an meim Weihnachdn.“

„Komm, stell dich nicht so an!“

„Du woasd ganz genau, dass unsa Weihnachtsgeiste­rei wahnsinnig Kraft kost. Deshoib kemma jeds Jahr bloß einen Menschn bekehrn, einen, und deshoib miassn wir jedes Jahr ent­scheidn, wen ma be­kehrn.“

„Ach komm! Einer für alle, alle für einen. Jetzt sind eben wir zwei alle.“

„Ja, alle! Wir sind fix und alle! Fia mi is Weihnachten heia glaufa! I zisch ab! Servus“, sagte er. Und tatsächlich machte es „Zisch!“, und Geist Heute war verduftet. Der zurück­gebliebene Geist Morgen bebte ohnmächtig vor Wut und Zorn.

Er blickte auf Ebenezer Scrooge, der noch immer nicht recht wusste, was geschah. Die Geister konnte er zwar hören, aber nicht se­hen. Doch er begann zu ahnen, was sich ab­spielte.

„Seid ihr schon wieder da? Seid ihr noch nicht zufrieden damit, dass ihr mich damals ruiniert habt?“

„Es ist besser, sein Geld für Weihnachten auszu­geben, als dass es der Steuer anheimfällt“, sagte Geist Morgen.

„Seht her, was ihr aus mir gemacht habt! Ein Wrack habt ihr hin­terlassen, ein Wrack.“ Ebenezer Scrooge begann hemmungslos zu schluchzen.

Da empfand Geist Morgen Mitleid mit Ebenezer Scrooge. Aber er ließ sich nicht dazu herab, die Ehre seines Standes zu ver­teidigen. Mit einem Finger­schnippen zauberte er einen wunderschönen Christbaum in die Mitte des zugefro­renen Flusses. Vielleicht konnte die Schön­heit die­ses Bau­mes Ebenezer Scrooge wieder besänf­tigen.

Dann machte auch er sich davon. Dem arbeits­scheuen Geist Heute wollte er gehörig die Meinung sagen, vom un­flätigen Geist Ges­tern ganz zu schwei­gen. Auch ein Geist hat zu tun, was sich ge­hört. Aber was gehörte sich schon für Geister?

„Na, wo seid ihr denn?“, rief Ebenezer in die Dunkelheit. „Bleibt nur, wo ihr seid, und kommt mir nicht zu nah! Ich drehe euch ja doch nur euer eige­nes Bettlaken um den Hals.“

Da bemerkte er, dass sich die Nacht zu erhellen begann. Er drehte seinen Kopf zum Fluss hinüber und sah den Christbaum, den Geist Morgen herbeigezau­bert hatte. Wie schön er war! Und wie gleichgül­tig das Ebenezer ließ! Der Baum glänzte wie ein Diamant in vielen Farben, und die Kerzen brannten in trauter Harmonie. Die spitzen Flammen lohten in den Himmel dieser Weihnacht.

„Jetzt reicht’s mir!“ brüllte Scrooge in die Nacht hinaus. Ent­schlossen stapfte er in die Mitte des Flusses auf den Baum zu. Breit­beinig, die Fäu­ste in die Hüften gestemmt, stellte er sich vor den Christbaum und begann ihn auszula­chen, ja: auszu­lachen. Ein raues Mannesgelächter schallte über den eisigen Fluss.

Charly, der ihm nachgegangen war, stand am Ufer und rief: „Bist du verrückt! Du wirst ein­brechen! Das Eis hält nicht gut!“ Wild fuchtelte Charly mit den Armen. Doch Ebenezer Scrooge schien nicht zu hören und zu sehen. Er wollte es nicht. Er wollte mit den Gei­stern, denen er die Schuld an seinem Elend gab, abrechnen.

Charly musste zusehen, wie Ebenezer seinen Mantel aus­zog und ihn um den Baum warf, um ihn zu Boden zu ziehen. Im Nu fing der viel zu dünne Mantel Feuer. Doch Ebenezer Scrooge grölte weiter und tanzte um das Feuer. Charly rief: „Komm zurück! Das Eis wird schmelzen!“

Ebenezer zog sein Hemd, seine Hose und alles, was er am Leibe trug, aus und warf es in das Feuer, um ihm Nahrung zu geben, weil der Baum restlos verbrennen sollte. Schließ­lich tanzte und grölte er splitternackt um den Baum herum.

Charly rannte weg, wollte Hilfe holen. Doch wer konnte da noch helfen? Wer konnte das Eis betreten, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen? Da hörte er ein Knacksen und Knirschen, und er wusste, was ge­schah. Er drehte sich nicht um. Ebenezers Lachen ver­stummte.

Nachdem Lilu seine Geschichte beendet hatte, saßen wir eine Weile stumm da.

„Wenn du meinst, die Geschichte sei aus, dann täuschst du dich gewaltig täuschst du dich da! Jetzt kommt nämlich noch ein Ge­dichtsel.“

„Nein“, rief ich aus, „das passt doch nicht!“

„Ein Gedichtsel passt immer. Hör zu!“

Charly ging in eine Telefon­zelle, drückte den Notdienst­hebel und sagte in den Hörer, was passiert war. Wieder draußen, musste er lä­cheln. Ihm fiel ein Gedicht ein:

Für gegrillte Grillen

gibt es nur

die schrillen Brillen

mit Rillen.

Doch im Stillen

hassen die

gegrillten Grillen

die schrillen Brillen

wegen der Rillen.“

„Weißt du, Lilu, bis auf den Schluss war das eine ganz hübsche Ge­schichte. Aber sie stimmt nicht.“

„Jede Geschichte stimmt.“

„Nein! Charles Dickens hat sie ganz anders erzählt. Und du hast behauptet, du kennst die Geschichte.“

„Pah! Ich bin Lilu, aber wer ist in meiner Gegenwart Charles Dic­kens? Da bist du mir ja ein noch lieberer Schreiberling als der. Und jetzt bin ich müde. Ich gehe ins Bett. Gute Nacht!“

Er ging in sein Haus und schmetterte dabei ein Lied mit einer Phantasiemelo­die.

„Dieser Lilu“, dachte ich, „ist eigentlich ein Mensch wie jeder andere – nur ein bisschen weiter. Die Frage ist nur: Was ist der Mensch?“

Ich nahm das Buch von Charles Dickens, das in Lilus Garten – nein, der war plötzlich samt dem Haus verschwunden -, das in mei­nem Regal lag, und las end­lich die Geschichte „Ein Weihnachtslied“.

Eine weitere Lilu-Geschichte folgt nächsten Mittwoch. Titel: Die Fernsehfernbedienung

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

Ein Gedanke zu „Lilu – Nur ein bisschen weiter/Teil 2“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s