Im Lauf

Ich habe Christianes Schreibeinladung erneut angenommen und meiner Intuition, angetrieben von den vorgegebenen Wörtern Wetterbericht, ordentlich und irisieren, die Zügel schießen lassen.

Jetzt müsste man Zeit haben, Zeit und Muße, sich diesen Gedanken hinzugeben, sie zu begreifen, sich von ihnen ergreifen zu lassen. Denn das, was er gerade sah, setzte Gedanken in ihm frei. Schöne Gedanken.

Was gäbe er drum, wenn sein Leben nicht immer nur in geordneten Bahnen verliefe. Natürlich, irgendwie ordentlich wollte er es schon haben. Aber es musste doch auch Platz sein für ein bisschen Chaos, für sein ganz persönliches Chaos, für sein kreatives Chaos.

Er wollte nicht immer seinem echten Leben, dem in seinem Herzen, entfliehen, nicht immer weiterhetzen müssen, nur weil die Pflicht mal wieder wichtiger war als der gerade gegenwärtige Augenblick. Er wollte mitten im Lauf auch einmal innehalten können, etwa wenn er eine interessante Hausfassade sah, um ihren Anblick zu genießen, oder vielleicht auch eine Madonnenstatue, die unbeachtet über den Köpfen der niemals Zeit habenden Menschen in einer Mauernische steht. Oder einfach nur einem frisch gebackenen Elternpaar zu ihrem Baby gratulieren in der Hoffnung, dass ihnen ein Wort des Zuspruchs in einer Zeit, da elterlicher Schlaf Mangelware ist, etwas Kraft gibt. Eltern sind so wichtig, weil ihre Kinder so wichtig sind. Auch ihnen sollte man Zeit lassen, sich dem Papa- und Mamasein hinzugeben. Aber auch ihnen hat man beigebracht, ihren Lebensmomenten auszuweichen, freie Herzensentscheidungen zu meiden.

Und jetzt dieser Anblick, irisierend und auch ein wenig irritierend. Zwei Regenbögen auf einmal. Das gibt es nicht oft. Deshalb setzte dieses Bild einmal mehr solche seltsamen, von einer geheimnisvollen Sehnsucht durchdrungenen Gedanken in ihm frei. Gut, dass wenigstens das Wetter die vorgezeichneten Bahnen des Wetterberichtes zu umgehen wusste.

So wollte er auch sein: frei wie das Wetter.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

9 Kommentare zu „Im Lauf“

  1. Ich finde es bedenklich, dass wir so oft zwischen dem „echten“ Leben und dem Alltag unterscheiden (müssen?). Es ist so krass, dass dieser Spalt so groß ist, dass so viele etwas tun, was sie nicht oder kaum erfüllt …
    Aber kurz mal innezuhalten, um für einen Moment Schönheit und Zauber zu tanken, das kann man üben. Und weiter geht’s … 🤔
    Danke für die Etüde!
    Morgenkaffeegrüße mit singenden Vögeln 🌤️🌳☕🍪🌼🦋👍

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    1. Jeder steht wohl vor der Aufgabe, den ihm gemäßen Weg aus diesem Müssen zu finden. Das bezieht sich vor allem auf „Lebensentscheidungen”, von denen es vielleicht eine handvoll gibt. Die mit Bedacht getroffen – und der Weg ist frei zur persönlichen Verantwortung.

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  2. Die Balance zu halten zwischen dem, was man sollte, um bestimmte Anforderungen des Alltagslebens zu erfüllen und dem, was den freien Wünschen entspräche, ist schon eine Kunst für sich. Den Kindern zuliebe Eltern zu bestärken ist ein schöner Gedanke. Hier habe ich auch endlich das für mich heimliche Worttraumpaar beieinander gefunden: irisieren und irritieren. 🙂

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