Wie ich einmal auf dem münchner Christkindlmarkt nicht zahlen konnte

Es war am 18. Dezember 1992, dem Jahr, da es mit unserer Wirt­schaft abwärts ging. Es war Freitag, und ich habe mich im Büro schon auf Weihnachten einge­richtet. D.h. ich schraubte meine Moti­vation auf das gerade noch nötige Mindest­maß herunter und machte nicht zu spät Schluss, sondern vergleichsweise früh, und die Familie, die außer mir aus Frau, Sohn und Tochter besteht, hat mich zum Schwimmen abgeholt.

Kripperl vom Münchner Christkindlmarkt, aufgenommen 2013 (Foto: Bernhard Huber)

Gemeinsam sind wir mit der U-Bahn zum Olympiazentrum gefahren. Der Sohn konnte in der Schwimmhalle seine erst kürzlich erworbe­nen Schwimm­kenntnisse vertiefen, und er hat auch getaucht, und die Tochter hat sich mit den Schwimm­flügerln und mit mir ein bisschen in die Nichtschwim­merzone des großen Beckens getraut. Hier ist vor 20 Jahren Mark Spitz bei der traurigen münchner Olym­piade so entsetzlich erfolgreich gewesen. Die Frau setzte sich auf die Gale­rie und hat uns zugeschaut oder gelesen. Geschwommen hat sie nicht, weil sie es nicht kann. Das kann es geben. Dann gingen wir erst mal zum Essen, und dann sind wir vom Petuelring aus mit der U-Bahn zum Ma­rienplatz gefahren, weil dort noch der Christkindl­markt gewesen ist.

Der Sohn, der zuvor vor allem einen riesigen Hunger vom Schwim­men gehabt hat, den er mit einem Drei-Kick vom Wienerwald an der Lerchenauer Straße 34, das sich zusammen­setzt aus Pommes Frites und drei gebackenen Hähnchenfleisch­stückchen bekämpft hat, hat nun ge­froren als hätte er nichts an. Trotzdem ha­ben wir uns die Schaufenster beim Kaufhof ange­schaut, in denen noch die letz­ten Ausläufer des konjunkturellen Aufschwungs zu sehen wa­ren. Große und kleine Steiff-Pup­pen spiel­ten Märchen und bewegten sich hin und her. Immer gleich. Ein klei­nes Eichkätzchen und ein kleines Kätzchen ohne Eich haben 100 Mark geko­stet. Die spinnen ja, sagte die Frau, und ich habe nicht wi­dersprochen.

Dann genehmigten wir uns auf dem Marienhof, hinter dem Häusl, wo immer das schöne große Kripperl aufgestellt ist, einen Irish Coffee und eine Waffel Spezial, die aus Eis, Sahne und Schokolade und Ei­erlikör nebst Waffel besteht, und eine Waffel mit Sahne und Kir­schen und noch einen Irish Coffee und noch einen, und der Sohn wollte ein Wasser, weil er vorher schon eine Zuckerwatte verdrückt hat. Aber zuerst hat die Tochter gesagt, dass sie aufs Klo muss.

Kinder müssen meistens dann aufs Klo, wenn keines in der Nähe ist. Ich habe zur Frau ge­sagt, sie soll doch einfach in den Rats­keller gehen, wo wir doch so oft da drin essen.

Das hat sie dann auch gemacht, und ich eröffnete den Rei­gen unserer Bestellun­gen mit einem Wasser und einem Irish Coffee. Das hat drei­zehn Mark fünfzig ge­kostet inklusive Pfand für die Flasche und das Glas. Ich habe zu zahlen ver­sucht, aber es ist mir nicht gelungen. Ich habe erst ein Zwei­mark-Stück hinge­legt, dann noch eins, dann noch eins. Die Zehnerl habe ich schon gar nicht mehr hingelegt, weil ich gemerkt habe, dass das Geld nicht langt. Sofort habe ich ver­sucht, den Irish Coffee zu stornieren, aber der war so schnell fer­tig, dass ich nichts mehr sagen konnte. Also habe ich ganz leise gesagt, dass ich nicht zahlen kann, weil ich vorher beim Wienerwald gezahlt habe, und ich könnte mit Scheck zahlen. Meine Frau kommt aber bald, habe ich gesagt, und ich bleibe gerne mit dem Sohn hier stehen. Als Gei­seln gewissermaßen.

Und dann ist endlich die Frau gekommen und die Tochter, und jetzt zechten wir und trieben den Umsatz des Standes hoch, als wollten wir be­weisen, was in un­seren Geldbeuteln steckt. In meinem steckte inzwischen ein Fuchzger, den mir die Frau gegeben hat. Jetzt hat aber niemand mehr aufs Klo müssen.

Dann haben wir Gläser, Teller und die Flasche zurückgebracht, weil es uns ge­reicht hat und weil sie schon zusammengeräumt haben, um Schluss zu machen. Da sagt die Standl-Chefin, dass man uns noch acht Taschen zu­sammenpacken soll, was mich erst verwundert hat, was aber Kirsch-, Zwetsch­gen- und Quarktaschen waren, damit wir was zum Frühstück haben. Und dar­über haben wir uns gefreut. Da kann kein Kauf­hof-Schaufenster mithalten.

In der S-Bahn ist der Sohn dann eingeschlafen. An die­sem Tag hat er viel er­lebt: Hunger, Kälte, Müdigkeit, einen armen Papa, der nicht zahlen konnte, und ein unerwartetes Ge­schenk vom Christkindlmarkt, das daheim die Mama und der Papa gegessen haben, weil der Sohn und die Tochter nicht alles essen, was auf den Tisch kommt. Insgesamt war der 18. Dezem­ber 1992 für mich ein Tag, der ein bisschen war wie damals, als das Christkindl gebo­ren wurde.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

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