Das Krippenspiel

„Bis zum nächsten Jahr!“ So wurde ich auch dieses Mal verabschiedet, während mich liebevolle Kinderhände einpackten. Schade! Die kurze Zeit ist immer so schnell vorbei. Es ist immer so schön die frohe Botschaft der Geburt des Erlösers zu verbreiten. Ich möchte eigentlich noch nicht ins Bett. Auch wenn die Kiste so schön gepolstert ist, versuche ich immer die Zeit vergeblich zu verlängern. Die meiste Zeit des Jahres bin ich ja doch in den dunklen Tiefen der Kiste eingesperrt.

In der Kiste jedoch war es dann so gemütlich, dass ich sogleich einschlief. Während meines „Winterschlafes“ jedoch wurde ich unsanft geweckt. Es ruckelte und wackelte. Hilfe! Was geschieht mit mir? Ein Glück, dass ich sorgsam eingepackt wurde. Wer weiß, was sonst passiert wäre. Nachdem es schnell wieder ruhig wurde, schlief ich wieder rasch ein. Nach einem langen und tiefen Schlaf wurde ich wieder wach. Es war wieder Zeit. Weihnachten nahte. Juhu! Ich freute mich schon riesig darauf. Auch der Esel und Ochse neben mir erwachten. Nach einer gewissen Zeit aber wurden sie unruhig. Maria und Josef hörte ich auch tuscheln. Die Zeit verrann und nichts passierte. Dabei waren wir alle hellwach. Quälend langsam verlief dieses Jahr unsere Wachphase – wie sie Mama und Papa immer nannten – , ohne dass etwas passierte. Letztlich jedoch wurde ich wieder müde und schlief ein, ohne dass man uns in das Licht geholt hätte.

Die nächste Wachphase war noch schlimmer als die erste. Es wurde wild spekuliert, was geschehen sei. Allein ich versuchte summend – da ich nicht sprechen konnte – alle zu beruhigen. Unsere Zeit wird wieder kommen. Da war ich mir sicher! Nur leider auch im zweiten Jahr nicht. Im dritten Jahr wurde es schwerer, alle zu beruhigen. Panik machte sich breit. Wurden wir vergessen? Ist etwas Schlimmes passiert? So dauerte es über viele Jahre. Ausbruchsversuche waren vergeblich, da wir zu gut eingepackt waren. Mit einer gewissen Lethargie fügten sich die anderen in die Situation. Doch ich gab nicht auf. Eines Tages würden wir wieder entdeckt werden. Wie schade, dass sie mich nicht weiter beachteten.

Als niemand außer mir mehr damit rechnete, die frohe Botschaft zu verkünden, wurde unsere Kiste plötzlich geöffnet. Verschlafen blinzelten wir, da es doch noch mitten im „Winterschlaf“ war. Entfernt hörte ich Kinder rufen: „Papa, was ist das hier?“ Vorsichtig wurden nach und nach zuerst der Esel, der Ochse, Josef und Maria ausgepackt. Als ich frei war, erblickte ich ein weinendes Gesicht. Seinen Kindern erzählte er gerade seine bewegende Geschichte:

„Diese Krippenfiguren haben wir in meiner Kindheit immer zu Weihnachten aufgestellt. Nachdem meine Eltern – Oma und Opa habt ihr ja nie kennengelernt – beim Auto-Unfall ums Leben kamen, wurde ich von meinen Großeltern aufgenommen. Sie hatten natürlich eigene Figuren und ich vergaß sie komplett. Wie schade! So schöne Figuren…“. Er stockte. Seine Kinder lauschten gebannt und waren ganz fasziniert von uns. Am liebsten hätten sie uns – wir waren ja auch liebevoll mit kleinen Details geschnitzt – sofort aufgestellt. Der Vater jedoch sagte, es sei noch nicht Zeit. Wie groß die Enttäuschung doch war. Nicht nur weil wir wunderschön waren, sondern auch weil sie ihrem Vater eine Freude bereiten wollten. Ich hätte am liebsten geschrien, dass sie doch eine Ausnahme machen könnten. Wie schön wäre es, ein paar Tage wieder die weihnachtliche Freude zu verbreiten. Da war doch die Jahreszeit gleichgültig. Die blöde Sprachbarriere hemmte mich erneut. So wurden wir nach kurzem Widerstand von den Kindern liebevoll mit den Worten eingepackt: „Wir holen euch bestimmt an Weihnachten.” Kurz bevor ich wieder in den „Winterschlaf“ fiel, hörte ich die erleichterten Stimmen von den anderen Figuren.

Ein paar Stunden nach unserem erneuten Erwachen wurden wir tatsächlich geholt. Die Freude bei uns allen war immens. Nicht nur, dass wir wieder geholt werden würden, sondern auch unser lieber Freund, der uns sehr gut behandelte, würde wieder viel Freude an uns haben. Nach und nach kamen alle heraus. Ich blieb noch in der Kiste und konnte es kaum erwarten. Die Kinder packten mich zuletzt aus und platzierten mich liebevoll auf das Stroh in die Mitte des Stalls, als ich eine junge Knabenstimme hörte: „Christus, unser Heil und Retter ist geboren!“

Diese liebevollen Figuren gehörten einst meinen Großeltern.

In diesem Sinne wünsche ich Euch ein schönes, gesegnetes und besinnliches Weihnachtsfest.

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