Zum 4. Advent

Der Abend kommt von weit gegangen…

Der Abend kommt von weit gegangen
durch den verschneiten, leisen Tann.
Dann preßt er seine Winterwangen
an alle Fenster lauschend an.

Und stille wird ein jedes Haus;
die Alten in den Sesseln sinnen,
die Mütter sind wie Königinnen,
die Kinder wollen nicht beginnen
mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen
nicht mehr. Der Abend horcht nach innen
und innen horchen sie hinaus.

Rainer Maria Rilke (aus: Advent)

Zum 3. Advent

Die hohen Tannen atmen heiser…

Die hohen Tannen atmen heiser
im Winterschnee, und bauschiger
schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.
Die weißen Wege werden leiser,
die trauten Stuben lauschiger.

Da singt die Uhr, die Kinder zittern:
Im grünen Ofen kracht ein Scheit
und stürzt in lichten Lohgewittern, — 
und draußen wächst im Flockenflittern
der weiße Tag zur Ewigkeit.

Rainer Maria Rilke (aus: Advent)

Zum 2. Advent

An manchem Tag ist meine Seele still…

An manchem Tag ist meine Seele still:
Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen.
Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen
dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen
den Jubel seiner Arme fesseln will.

Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin
in ratlos-sehnendem Erhörenwollen:
Sie warten auf den Sonntag mit den vollen
Gestühlen und dem großen Orgelrollen — 
und blasse Ampeln schwanken her und hin.

Rainer Maria Rilke (aus: Advent)

Rainer Maria Rilke: Der Panther

Das Gedicht „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke gehört zu den faszinierenden Dinggedichten.

Seitdem ich es das erste Mal gelesen habe, finde ich dieses Gedicht sehr schön. Das Gedicht entstand 1902 oder 1903. Der genaue Zeitpunkt ist nicht zu bestimmen. Als Vorstufen des Gedichtes gelten: Die Prosaskizze „Der Löwenkäfig“ in „Rilke und die bildende Kunst“ und „Die Aschanti“ in „Buch der Bilder“. Da im „Jardin des Plantes“ in Paris exotische Tiere gezeigt wurden, den Rilke in den Jahren 1902 bis 1906 mehrfach besuchte. Zu dem Garten selbst gibt es eine besondere Geschichte.

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