Meine schwere Wolldecke

Ich finde immer mehr Gefallen am Schreiben auf Zuruf von Stichwörtern. Obwohl ich schon nicht mehr mit einer Idee gerechnet habe, unter die ich Korsett, rechtsdrehend, dampfen, Baracke, lau und widerfahren in der geforderten Länge von 500 Wörtern verbinden konnte, hat sie sich plötzlich doch eingestellt. Hier das Ergebnis.

Ein von einem Korsett auf Schönheitsidealmaß zurechtgeschnürter Körper kann sich nicht unwohler fühlen als ich. Umgeben von einer schweren dunklen Hülle, unter der ich dampfe wie sonst höchstens in der Sauna, hocke ich in diesem Zimmer, das eher eine Baracke ist. Über mir gibt sich ein windschief angebrachter Ventilator alle Mühe, wenigstens ein bisschen Kühlung zu erzeugen, während ich den rechtsdrehenden Zeigern einer Kuckucksuhr dabei zusehe, wie sie die Zeit vor sich hertreiben, als wollten sie sie endlich zum Abschluss bringen. Immerhin: Die Luft wandelt sich von tropisch heiß bis erträglich lau, als mich der Morgen aus den Klauen dieses merkwürdigen Traumes, wie er einem eher selten widerfährt, erlöst. Ich werde keine Nacht mehr mit meiner schweren Wolldecke verbringen.

Wie im Schnellkochtopf

Die Idee zu diesem Text basiert auf den Wörtern Korsett, rechtsdrehend und dampfen der abc-Etüden von Christiane.

Muss man für die Schönheit wirklich leiden? Kein Dresscode dieser Welt kann doch die ästhetisch motivierte Leidensbereitschaft des Menschen hinreichend erklären. Und überhaupt: Was ist schön?

Eine menschliche Figur etwa, die zwischen den Stäbchen eines festgezurrten Korsetts von ständigen Ohnmachtattacken bedroht ist? Oder die sich in einem wurstpellenähnlichen Kleidungsstück nicht mehr natürlich bewegen lässt? Oder Füßchen in hochhackigen Schühchen, die jeden Schritt zu einer äquilibristischen Herausforderung machen?

Auch die Männermode hat immer wieder versucht, das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit auszuhebeln. Von der gepuderten Perücke über ehrfurchgebietende Talare bis zum Vatermörder(!)kragen gibt es alles (Un-)Mögliche, was mir schon beim bloßen Ansehen den Angstschweiß auf die Stirne treibt.

Ich erinnere mich gut, dass meine Erstkommunion kein Vergnügen war. Ein Anzug aus rauer Schurwolle machte diesen Tag für mich, dessen Haut gerade auf Wolle empfindlich reagiert, zur reinen Tortur. Wie soll man da fromm sein?

Nie werde ich begreifen, dass auch die Damen nicht davor zurückschrecken, sich mit dem überflüssigsten aller Textilien, der Krawatte nämlich, die Hälse zuzuschnüren und das auch noch emanzipiert zu finden. Dabei muss man, als hätte man es mit links- oder rechtsdrehenden Milchsäurebakterien zu tun, diesem Stoffstück auch noch hemd- und anlassbezogen den richtigen Spin verpassen. Wikipedia kann man entnehmen, mit wie vielen Knotenvariationen man Luft- und Speiseröhre unter Druck setzen kann. Bei zehn habe ich aufgehört zu zählen.

Es wäre ja zum Mönchwerden, wenn nicht auch hinter Klostermauern strenge Kleidervorschriften herrschen würden. Ich möchte nicht wissen, welche Gewichte Nonnen und Mönche auf ihren gottgeweihten Leibern Tag für Tag hin und herbewegen. Als einer, der das Wort „Hyperhidrosis“ aus leidvoller Erfahrung kennt, würde ich mir unter diesen Stoffdunstglocken vorkommen wie in einem dampfenden Schnellkochtopf. Dann schon lieber FKK. Aber mit der Sonne steht meine Haut auch auf Kriegsfuß.