Turbulentes Geklacker

Christiane lädt dieses Mal mit den Wörtern Billard, aktuell und gestalten zum Mitmachen ein.

„Krise“, sage ich, „ich kann dieses Wort nicht mehr hören. Seit Jahren jagt eine Krise die nächste, und die jeweils aktuelle soll historischer sein als alle davor.“

Der dreieckig angeordnete Kugelpulk liegt wie eine Pfeilspitze auf dem Tisch.

Ich lege das Queue an und schieße mit größtmöglicher Wucht darauf, was ein turbulentes Geklacker zur Folge hat. Die Kugeln stieben in alle Windrichtungen auseinander.

„Alles eine Frage des politischen Managements“, meint mein Freund. „Krisen muss man gestalten und darf man nicht gestalten lassen.“

Wie nebenbei versenkt er die erste Kugel.

„Du redest, als würden wir Schach spielen und nicht Billard. So gewinne ich nie.“

Als der Präsident eines Tages die Nase voll hatte

Diese frei erfundene Geschichte habe ich am 3. Januar 2010 geschrieben. Am 31. Mai 2010 ist Horst Köhler vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten, ohne einen eindeutigen Grund dafür anzugeben. Ich versichere, dass das Zufall und nichts als Zufall ist, wie er gelegentlich im literarischen Leben vorzukommen pflegt. Passt trotzdem irgendwie.

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Aufstehen und die Zeitung lesen ist bei mir eins. Denn Zeitung bedeutet in meiner Welt, dass sie sich noch dreht, diese Welt. Deshalb war ich an jenem Morgen einigermaßen verwirrt, als ich gleich auf Seite eins las, der Bundespräsident wäre zurückgetreten. Denn Rücktritte mag ich ebenso wenig wie einen Morgen ohne Zeitung. In meiner sich drehenden Welt tritt man nicht zurück, vor allem nicht, wenn man Präsident ist. Besonders nachdenklich stimmte mich allerdings die als „offiziell“ bezeichnete Begründung, die unser Staatsoberhaupt persönlich, und zwar exklusiv in einem Interview für einen kleinen lokalen Fernsehsender angegeben haben soll: „Ich mag nicht mehr.“

Ihm reiche es, wie er weiter ausführte. Das ständige Gemecker im Lande nerve ihn zusehends, und überhaupt höre kein Schwein mehr auf das, was er, der Präsident, in wohlgesetzten Worten mitzuteilen habe. Er habe kurzum die Nase voll. Im übrigen sei sein Amt sowieso nur ein Amt auf Zeit, wie sich das für eine Demokratie gehöre. Deshalb würde es gar nicht auffallen, wenn er es nicht mehr bekleide.

Von einem Tag auf den anderen war das höchste Amt dieses Landes also nackt.

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Ein nacktes Amt ist in einer Demokratie nichts Besonderes. Merkwürdig war allerdings die Begründung für den Rücktritt des Präsidenten. Er machte sich überhaupt keine Mühe, seine Amtsverdrossenheit zu verbergen. Dabei hatte er immer wieder beteuert, dass sein Amt das schönste der Welt wäre. Wie das halt jeder sagt, der ein Amt innehat. Wer will, glaubt das. Den anderen ist das eigentlich egal. Aber dieser Präsident hatte die Stirn, einfach die Wahrheit zu sagen: Ich habe die Nase voll. Das war ungeheuerlich.

Aber weit ungeheuerlicher war, dass die Wahrheit keinen störte. Die Presse verhielt sich gleichgültig wie nie. Mir ist nicht eine aufgeregte und aufregende Schlagzeile untergekommen. Es schien, als ginge der Präsident niemandem ab.

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Diese Gleichgültigkeit im Wahlvolk wurde noch überboten, als das sonst übliche Gehacke unter den Parteien ausblieb. Über die Motive des Rücktritts ließ sich nicht streiten. Aber man sollte doch erwarten dürfen, dass sich die politischen Lager nun in die gewohnten Kämpfe über den Nachfolgekandidaten verstrickten. Aber nichts dergleichen geschah. Es gab auch nicht den Hauch einer Nachricht darüber, wer nun in Frage käme für den höchsten Posten, den unser Land zu vergeben hat. Im übrigen war auch vom Zurückgetretenen selber nichts mehr zu vernehmen. Er zog sich zurück, und das war’s. Kein Abschied.

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Wenig später tauchten Gerüchte auf – wenigstens brodelten noch irgendwo die Gerüchteküchen -, dass auch die Bundeskanzlerin, zermürbt von ihrer Macht, Rücktrittsgedanken hegte. Der Schritt des Präsidenten hätte ihr Mut gemacht. Aus Regierungskreisen sickerte die Meldung an die Öffentlichkeit, dass sie den ehemaligen Präsidenten verstehen könne. Sie hätte gleichfalls keinen Bock mehr.

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Auffallend lustlos nahmen sich die diversen Pressesprecher und PR-Experten, die zur Grundausstattung jeder Organisation, ob öffentlich oder privat, gehören, des Vorgefallenen an. Sind sie sonst bemüht, zu allem und jedem schnellstmöglich ihr „Ich kenne mich aus“ in jedes Mikrophon, in jede Kamera, in jeden Notizblock zu plappern, blieben sie dieses Mal reichlich einsilbig. Wenn sie „Kein Kommentar“ sagten, so sagten sie schon viel.

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Aber auch hinter den Kulissen bliebt es erstaunlich ruhig. Niemand von den Bossen, Chefs und Vorsitzenden beratschlagte und analysierte, was zu tun sei, so dass keiner im Land wusste, ob er sich Sorgen machen oder seinem Leck-mich-am-Arsch-Gefühl die Zügel schießen lassen sollte. Gewiss: Das Land hatte erst vor ein paar Wochen die Klimakatastrophe überstanden. Sie wurde von der Bundesregierung plötzlich für erledigt erklärt. In einem Kommunique erklärte sie, dass das Kabinett übereinstimmend zu der Auffassung gelangt sei, dass von Klimakatastrophe gar keine Rede sein könne. Man habe das Thema nur deshalb so aufgebauscht, um die Bevölkerung von der Wichtigkeit der staatlichen Institutionen zu überzeugen. Außerdem wurde so ein Gegengewicht zu den zunehmenden Lebensmittelskandalen und Bankenkrisen geschaffen, denen man recht hilflos gegenübergestanden wäre.

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Es war nur konsequent, dass sich der Verteidigungsminister mit seiner Dienstwaffe erschoss, die Entwicklungshilfeministerin sich aus dem Staub machte, der Wirtschaftsminister sich dem Suff ergab, der Finanzminister Insolvenz anmeldete, der Innenminister in der Antarktis Asyl beantragte und der Pressesprecher seine Krawattensammlung für einen wohltätigen Zweck versteigern ließ.

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Plötzlich wurde es recht einsam um die Bundeskanzlerin. Sogar die Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände, ja nicht einmal mehr der ADAC luden sie je wieder zu einem Arbeitsessen ein, so dass sie sich jetzt öfter vom Pizzaservice eine Kleinigkeit ins Kanzleramt bringen ließ.

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Das Regierungsviertel wurde zur Geisterstadt. Der Vatikan hätte mit seiner Schweizer Garde im Handstreich das Land annektieren können. Aber ein Land, das sich nicht verteidigt, anzugreifen, macht nicht einmal den Truppen des Papstes Spaß. Sogar die in den Steueroasen Schweiz oder Liechtenstein vor dem Fiskus in Sicherheit gebrachten Milliarden verloren rapide an Wert, weil sich niemand mehr dafür interessierte. Und die durchschnittliche Dauer einer Schwangerschaft stieg auf über zehn Monate, weil sich die Babys, sobald sie merkten, in welchem Land sie ihre Füßchen auf den Boden setzen sollten, einfach weigerten, die Fruchtblase ihrer Mütter zu verlassen.

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Sowohl Pleite- wie Aasgeier setzten dieses Land auf die schwarze Liste.

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Und ich werde nie mehr Zeitung lesen.

Nicht aus der Leitung

Bei der aktuellen Schreibeinladung Christianes hat mich vor allem eines der drei zu verarbeitenden Wörter (Regentonne, sensibel, schwanken) zum Thema meiner kleinen Erzählung „verführt“.

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Scheinbar billig, scheinbar schwarz

Christianes spätsommerliche Schreibeinladung führt mich mit den Wörtern Brechreiz, anschmiegsam und buchstabieren in die Gefilde der Verbraucherberatung.

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