Mein milongatanzender Chef

Uff! Was für eine harte Nuss! Für Christianes Sommeretüde mussten mindestens sieben aus zwölf vorgegebenen Wörtern sowie der Satz „Wie wenig wir uns kennen.“ miteinander verwoben werden. Irgendwie habe ich doch noch die Kurve gekriegt.

Diese Mückenviecher da draußen machen mich ganz kirre. Zu weiß der Kuckuck wie vielen schwirren sie vor dem Fenster meines Arbeitszimmers auf und ab und kreuz und quer. Ein Flohzirkus ist nichts dagegen. Trotzdem kommt es nicht ein einziges Mal zu einer Karambolage, obwohl sie nicht die geringste Ahnung von Straßenverkehrsordnung haben. Sollte ich darüber schreiben?

Nach diesem verlängerten Südtirol-Wochenende bin ich noch ganz auf Sommerpause eingestellt. Vor meinem Rückflug habe ich mir in aller Herrgottsfrühe im wohligen Schatten einer Kastanie ein opulentes Frühstück kredenzen lassen, ehe ich mich mit der Regionalbahn gemütlich zum Flughafen aufgemacht habe. Ich war also in bester Stimmung beim Anflug auf München.

Auf dem Rollsteg zur Gepäckausgabe warf ich mehr nebenher einen Blick aufs Handy. Ich hätte die SMS SMS sein lassen sollen. Aber nein, ich Karnoppel musste sie lesen. Mein Chef hatte unbändige Sehnsucht nach mir. Ich hätte ihn baldigst anzurufen. Im Geiste stellte ich mir vor, wie er seine treudoofen Kulleraugen auf mich richtet, wenn er auf die Frage, bis wann er den Artikel braucht, „bis gestern“ sagt. Was heißt: für die morgige Ausgabe.

Da ich meinen Job liebe, rief ich ihn, noch während ich vor dem Förderband auf mein Gepäck wartete, an.

„Endlich“, sagte er, „ich sitze hier auf Kohlen. Die Glosse für morgen ist geplatzt. Du musst einspringen, so erholt wie du bist.“

„Ach komm. Kann das nicht der…?“

„Nein, kann er nicht. Niemand kann. Du musst.“ Nach einer kurzen Pause fügte er mit säuselnder Ironie hinzu: „Du bist sowieso mein Lieblingsglossist.“

„Davon merkt meine Gehaltsabrechnung leider nichts.“

„Wie wär’s mit einem steuerfreien Bonus-Händedruck?“

„Scherzkeks. Und worüber soll ich schreiben? Über Wasserratten vielleicht?“

„Gute Idee! Oder über einen sirrenden Mückenschwarm in Südtirol.“

„Hör auf, hör auf! Du kriegst deine Glosse, aber ich kann für nichts garantieren.“

„Du musst liefern. Sonst tanze ich einen Milonga im Turbomodus mit dir, mein Lieber, und du weißt, vor mir ergreift jeder Tanzboden die Flucht.“

„Kann ich nicht glauben. Wie wenig wir einander kennen.“

„Ich merke, du kommst allmählich auf Glossentouren. Also in zwei Stunden.“

Und jetzt sitze ich da und starre in Erwartung einer Eingebung auf dieses Mückengewusel in der späten Nachmittagssonne. Aber jede zart aufkeimende Idee wird von der Vorstellung meines milongatanzenden Chefs unterdrückt.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

6 Kommentare zu „Mein milongatanzender Chef“

  1. Ich hatte auch schon solch ein Exemplar. Allerdings meditierte er offensiv und konnte sehr erhebend darüber berichten.
    Ich hoffe, dein Protagonisten-Ich hat es gut überlebt! 😉👍
    Danke fürs Mitschreiben! 🧡
    Morgenkaffeegrüße 🌄🌳☕🍪🌼👍

    Gefällt 1 Person

    1. Freut mich sehr, das zu hören! Danke! Es fing tatsächlich mit einem Mückenschwarm an, und dann lag eine CD von einer Band mit Jack Bruce vor mir, die den Titel „Milonga” enthält. So kamen meine grauen Zellen doch noch auf Touren, obwohl ich so kurz vor Schluss gar mehr damit gerechnet habe.

      Gefällt 1 Person

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