Verlorene Unschuld

Ich habe mehrere Anläufe genommen, um etwas zum vierten Bild aus Myriades aktueller Einladung zur Impulswerkstatt zu schreiben. Leider vergebens. Auch im ziemlich umfangreichen Fundus meiner literarischen Arbeiten ließ sich nichts Geeignetes finden. Trotzdem: Aus irgendeinem Grunde ließ mich dieses Bild nicht los. Bis dann plötzlich eine andere Idee auf sich aufmerksam machte, eine ganz andere.

Ich mag Vögel. Ja, ich mag sie selbst dann noch, wenn sie wie die Amseln schon am frühen Morgen lautstark signalisieren: Ich bin da. Und bei einem Konflikt zwischen Vogel und Katze würde ich selbstverständlich für den Piepmatz Partei ergreifen.

Eines Morgens jedoch, die Worte unseres Morgengebets wurden, gerade erst gesprochen, wie an allen Tagen sogleich wieder von den Belanglosigkeiten aus dem Radio verdrängt und das Frühstück stand bereit – eines Morgens wurde ich Zeuge eines Vorfalls, wie er in der Natur „da draußen“ zuhauf vorkommt, der uns aber, obwohl wir doch mit aller Kraft nach größtmöglicher Naturnähe streben, aus dem Konzept unseres durchgetakteten Lebens bringt.

Eigentlich ist es schön, wenn man morgens die Rollläden hochzieht und durch das Fenster die Amseln, Spatzen, Meisen, Stieglitze und manchmal auch Rotkehlchen und Rotschwänzchen dabei beobachten kann, wie sie in dem kleinen Garten unseres Reihenhauses umtriebig nach Futter für ihre Kleinen oder nach Material für ihr Nest suchen. Das macht das Aufstehen so viel leichter, weil es das Herz erhebt.

Natürlich liegt immer auch ein Hauch von Gefahr in der Luft. Denn die Vögel wissen, dass sie nicht allein sind auf der Welt: Sie rechnen immer mit lauernden Katzen. Deshalb halten sie sich nie lange auf dem Boden auf, und wenn sich tatsächlich eine Katze in ihrer Nähe herumtreibt, feuern sie wahre Salven keckernder Warnrufe ab, die sich vermutlich nicht nur an ihre Artgenossen richten, sondern auch an den miauenden Zudringling: Scher dich weg, wir sind viele!

Doch eines Morgens, wie gesagt, als ich kurz, fast möchte ich sagen, standardisiert-beiläufig aus dem Fenster blickte, befand ich mich mitten drin in einem dramatischen Geschehen, das kaum Spuren in der Zeit hinterlassen konnte, weil alles so schnell ging. Ein Augenzwinkern war das, mehr nicht. Eine schwarz-weiße Katze schoss buchstäblich aus ihrem Versteck und erbeutete ein Amselmännchen, das nicht den Hauch einer Chance hatte.

Es ist kaum zu beschreiben, wie ich mich fühlte. Schon der Vorgang als solcher lässt sich nicht so recht in Worte fassen. Ich sah weder Jäger noch Gejagten. Ich sah nur was passierte, und auch das nur in vagen Konturen, die sich rasend schnell in Raum und Zeit verlieren. Was danach kam, sah ich aber genau: wie sich die Katze mit der Beute im Maul davonmachte.

Natürlich weiß ich, dass Katzen Vögel jagen. Jederzeit können sie zur Ganzkörperwaffe werden: Geschmeidigkeit, Geduld, Schnelligkeit, Nase, Augen, Zähne, Krallen. Und doch ist mein Blick durch das Fenster hinaus in unseren naturnah gehaltenen kleinen Garten seither ein anderer. Er hat irgendwie, und sei er noch so beiläufig, seine Unschuld verloren.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

5 Kommentare zu „Verlorene Unschuld“

  1. Mein Kommentar ist pfutsch. Egal, schreibe ich ihn in etwa nochmals.
    Mir gefällt dieser atmosphärisch-philosophische Text ganz ausgezeichnet. Ich habe Bilder im Kopf von zwitschernden Gärten …Besonders fasziniert mich der Gedanke, dass der Blick seine Unschuld verlieren kann. Darüber werde ich wohl noch eine Weile nachdenken zumal ich mir kürzlich eine ähnliche Frage zum Thema „Verantwortung“ gestellt habe, die ganz und gar nicht beantwortet ist.
    Herzlichen Dank für diesen Beitrag, der das Foto und die Idee dahinter wirklich von einer ganz anderen nachdenklichen Seite angeht.

    Gefällt 1 Person

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