Versagensangst in der Schule

Auf den ersten Blick scheint diese Geschichte nichts mit den Bildern aus Myriades Impulswerkstatt zu tun zu haben. Dennoch hat mich das dritte Bild dazu inspiriert. Die Erstarrung sowie das gefrorene Eis lösten in mir die Gedanken von Mühen aus, die letztlich nicht belohnt werden.

Luises kleines Herz pochte wie verrückt. Sie stand kurz vor dem Vertretungsplan. Noch konnte sie nichts erkennen. Sehnlichst aber wünschte sie sich, dass die erste Stunde ausfallen würde. Hoffentlich musste die Notenabnahme verschoben werden.

Langsam wurde Luise vorgeschoben. Sie bewegte sich wie in Trance und versuchte nicht durch die Lücken zu schauen. Sie wollte ihren Traum platzen lassen, wenn sie vor dem Plan stand. Hinter ihr drängten sich weitere Schülermassen. Es wurde gedrängelt. Den Lärm nahm Luise kaum war, bis jemand sie anstieß: „Hey, Transuse! Mach Platz!“ Vor ihr hörte sie den Jubelschrei ihrer Klassenkameradin: „Mathe fällt aus! Kunst ist der Ersatz. Juhu!“

Und schon stand Luise vor dem Plan. Ihr Blick glitt über den Plan. Von der letzten Stunde am Nachmittag bis zur ersten Stunde. Ja, es stimmte. Mathe wird es heute nicht geben. Die erste Stunde aber stand. Daran war nichts zu rütteln.

Seufzend drehte sich Luise zur Seite und ging weg. Ihr erster Gedanke war, sich in der Toilette einzusperren. Sie war in ihrer Angst gefangen. Dies würde sie aber nicht vor ihrem Schicksal bewahren. Sie musste der Notenvergabe ins Auge sehen.

Viel zu schnell verflog die Zeit. Luise musste sich beeilen, um pünktlich zu sein. Zitternd zog sie sich in der Umkleidekabine aus. Sie wollte den Moment so lange wie möglich rauszögern. Da öffnete sich die Tür: „Schnell, schnell! Ab unter die Duschen!“ schnell schlüpfte Luise in ihren Badeanzug. Die Kameradinnen liefen erfreut voraus. Laut lachend bespritzten sie sich, als sie die Dusche betrat. Ein kurzes Abduschen – mehr Zeit blieb ihr nicht vor der Stunde der Wahrheit.

Jetzt stand sie am Starterblock. Der Chlorgeruch stieg Luise in die Nase. Diesen Geruch hatte sie gelernt zu hassen.

Vier Bahnen auf Zeit. Die ersten starteten schon. Luises Kameradinnen sprangen ins Wasser und huschten die Bahnen entlang.

„Hoffentlich schaffe ich die 5!“, dachte sich Luise. Trotz all ihrer guten Noten stach Sport schon immer im Zeugnis hervor. Meistens hatte sie eine eins. Selten zierte eine zwei das Zeugnis. Bei Sport prangte immer eine schlechte Note, als ob man sie damit brandmarkte. Luise war als Nächste dran. Angst keimte in ihr auf – wie bei fast allen Sport-Aufgaben. Angst vor dem Versagen, Angst vor den übergroßen Geräten wie dem Stufenbarren. Es half nichts. Die unerbittliche Pfeife ihrer Sportlehrerin riss Luise aus ihren Gedanken. Nun musste sie zeigen, was sie nicht konnte – schnell schwimmen. Die Ausdauer hätte sie, das wusste sie. Allerdings mangelte es an der Schnelligkeit. Dies wurde in der Schule immer gefragt.

Der Startpfiff ertönte und schon nach wenigen Metern sah sie ihre Mitstreiteiterinnen nur von hinten. Luise wollte nicht sofort loslegen. Sie geriet schnell aus der Puste. Auf den letzten beiden Bahnen wollte sie dann ihre Schnelligkeit einsetzen. Während der zweiten Bahn überholte sie schon die erste. Panisch steigerte Luise frühzeitig das Tempo. Sie kämpfte. Ihre Arme taten schon nach der dritten Bahn weh. Mittlerweile haben alle sie überrundet und sind aus dem Becken gestiegen. Keiner könnte ihr helfen, wenn sie Probleme hätte. Die Angst schnürte ihr fast den Atem ab. Mit Mühe kontrollierte sie diese und schwamm mit immer langsamer werdenden Bewegungen weiter. Der Kopf hämmerte. Luise versuchte nicht an all die Blicke zu denken, die ihr gerade folgten.

Zentimeter um Zentimeter, Meter um Meter. Luise fürchtete, dass ihre Arme den Dienst versagten. Durch den leicht geöffneten Mund floss etwas Chlorwasser in Luise. Sie hustete und keuchte. Der Chlorgeschmack blieb weiter in ihrem Mund und verstärkte den Geruch. Alles um sie herum schien Chlor zu sein. Langsam kam sie vorwärts, als ob sie sich in einer Knetmasse bewegte. Luise achtete peinlich darauf, ihren Mund geschlossen zu halten. Sie wollte nicht noch einmal dieses eklige Chlor schmecken. Ihr Augen tränten vom Chlor. Luise konnte kaum noch sehen, ob sie auf der richtigen Bahn war. Sie schwamm intuitiv weiter. Die Gespräche vom Beckenrand tönten gedämpft zu Luise hin.

Ihre Kräfte schwanden und sie bewegte sich in Zeitlupe weiter. Wann hatte sie das Ziel erreicht? Sie sah es doch schon! Weit konnte es nicht mehr sein. Mit einem fast übermenschlichen Zug erreichte sie das Ziel, sah auf und erblickte nur die kopfschüttelnde Lehrerin. Sie hatte es nicht geschafft. Keuchend klammerte Luise sich am Beckenrand fest. Sie war unfähig, aus dem Becken zu klettern. So sehr hatte sie sich verausgabt. Langsam kehrten ihre Sinne wieder zurück. Sie hörte bruchstückhaft, was die Lehrerin zur nächsten Stunde sagte. Ihre Sicht wurde wieder klarer und in ihre Arme und Finger kehrte die Kraft zurück.

Am ganzen Körper zitterte Luise und kletterte sie aus dem Becken. Sie erntete hämische Blicke. Ihre Mitschülerinnen erfreuten sich daran. So schnell es ging, ließ sie dieses Mal die Dusche und die Umkleidekabine hinter sich.

Danach gab es kein Entrinnen mehr. Während den Pausen sowie in den Klassenzimmern war sie feindlichen Blicken ausgesetzt. Nach und nach erfuhr sie Bruchstücke, warum das so war. Während Luise im Wasser war, hatte die Sportlehrerin der kompletten Klasse erklärt, dass sie vom Vorrücken nicht gefährdet sei. Sie würde sich anstrengen, auch wenn ihre Noten so schlecht sind.

Luise wollte sich verkriechen, machte sich so klein wie möglich. Doch die Vorwürfe, dass das „Superhirn“ eine extra Behandlung bekommt, blieben bestehen. Die harten Worte schienen an ihr abzuprallen. Dennoch bewegte es sie tief.

Der Tag war noch lange. Die Woche hatte erst begonnen und der Spießrutenlauf für Luise hatte begonnen.

4 Kommentare zu „Versagensangst in der Schule“

  1. Jö, eine Geschichte aus dem Schulmilieue! Und die Lehrer*innen sind nicht die Bösen 😉 Gefällt mir sehr der Einblick in die Welt einer Schülerin, die in allem außer beim Sport begabt ist. Es zeigt gut, die Absurdität des Systems, in dem die Kinder und Jugendlichen einen großen Teil ihrer Energie in gerade jene Fächer stecken müssen, in denen sie nicht gut sind anstatt in jene, die sie gerne und gut machen. Das ist für mich auch die Verbindung zu dem Foto. Das Erstarrte, vertrocknete, freudlose.
    Herzlichen Dank für den Beitrag und liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen herzlichen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich sehr, dass es dir gefällt.
      Das Schulsystem müsste in manchen Punkten wirklich überarbeitet werden, aber das wird wohl noch lange dauern.
      Viele Grüße Monika

      Gefällt 1 Person

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