S(ch)neewittchen und die sieben Riesen

Wieder einmal war ich zunächst äußert skeptisch. Aber wieder einmal nehme ich Christianes Schreibeinladung an. Es gilt drei Wörter um maximal 297 Wörter zu etwas Sinnigem anzureichern. Die drei Wörter lauten Zwerg, quer und fühlen.

Vor mir liegt „Das kleine Buch über Riesen“. Ein Buch über Zwerge müsste also „Das große Buch über Zwerge“ heißen, denke ich. Aber Vorsicht: Zwerge sind politisch in Ungnade gefallen. Von ihnen zu reden, gilt politischen Anstandswauwaus als igitt. (Früher wurde Kindern aus Gründen pädagogischer Korrektheit schon mal der Mund mit Seife ausgewaschen, wenn sie ein Wort wie Schei*e sagten.)

Als gläubiger Mensch denke ich aber auch an den politisch inkorrekten Jesus, der den Kleinen eine große Zukunft im Himmelreich verhieß, oder an den Sieg des kleinen David über den Riesen Goliath. Und ich denke an die sieben Zwerge und ihre Begegnung mit Schnee- vielmehr Sneewittchen, wie sie in der Kinder- und Hausmärchensammlung der Brüder Grimm eigentlich genannt wird. Es würde sich anfühlen wie ein Zahn, der quer steht, wenn anstelle von Zwergen sieben Riesen darin vorkämen.

Kein Riese fragt, wer auf seinem „Stühlchen“ gesessen, von seinem „Tellerchen“ gegessen, seinem „Brötchen“ genommen, seinem „Gemüschen“ gegessen, mit seinem „Gäbelchen“ gestochen, seinem „Messerchen“ geschnitten und aus seinem „Becherlein“ getrunken hat. Und wie sollen sie in einem „Häuschen“ Platz haben und in „Bettchen“ schlafen? Selbst zusammengepfercht wie Ölsardinen hätten sie niemals Platz in dieser tiny Bleibe. Man will sich ja auch mal bewegen, und wenn einer niest, dann fliegt ihnen alles um die Öhrchen. Nein, dieses Bärchen kann man mir altem Märchenfreund nicht aufbinden. Zwerge – ätsch, politische Korrektheit! -, Zwerge müssen‘s sein. (Kleine Menschen nenne ich übrigens niemals Zwerge.)

Märchen gehören gefühlt zum wahrhaftigsten, was die Literatur zu bieten hat. Sie sind gewiss kein Synonym fürs Lügen nach dem Motto „Erzähl mir keine Märchen“. Eher lügen Geschichten, die nach „wahren“ Begebenheiten erzählt sind. Begebenheiten können natürlich nichts anderes als wahr sein. Aber was nach ihnen erzählt ist, ist ein Roman oder ähnliches, kurzum fiktiv. Im Unterschied zum Märchen.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

10 Kommentare zu „S(ch)neewittchen und die sieben Riesen“

  1. Glaubst du nicht eher, dass wir konditioniert sind, Märchen als „wahrhaftig“ zu empfinden, meinetwegen sogar religiös konditioniert?
    Und Zwerge sind Zwerge, ja, zumindest im Märchen oder in fiktiven Geschichten, aber dagegen richten sich auch keine Sprachregelungen – oder habe ich da was verpasst? 😉
    Verregnete Morgenkaffeegrüße 😁🌧️☕🍪👍

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    1. Da kann ich nur für mich sprechen, und ich zweifle, dass man mich „konditioniert“ hat. Wenn ich konditioniert bin, dann ist das Marke Eigenbau. Aus dieser Perspektive sage ich, dass nicht immer Wahrheit drin ist, wo es draufsteht. Dass es auf Märchen nicht drauf steht,spricht für ihre Wahrhaftigkeit. Was das Wort „Zwerg“ anlangt, sind wir nicht mehr allzuweit davon entfernt, sie hinter einem nebulösen „Z-Wort“ verstecken zu sollen, wie das anderen Wörtern schon angetan wird, was aber allenfalls nichts anderes ist, als würde man etwas „verstecken“ wollen, wofür man sich geniert. Denn unter der Decke bleibt alles doch beim Alten. Steven Pinker spricht von „Euphemismus-Tretmühle“. Als Sprachregelung würde ich es nicht bezeichnen, aber als Forderung, wenn wir von wem auch immer dazu angehaten werden statt Zwerg „Kleinwüchsiger“ zu sagen. Im Internet wirst du bestimmt fündig.

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      1. Bei Menschen: keine Frage. Ich habe gelernt: Im Zweifelsfall fragen, wie das Gegenüber angesprochen/bezeichnet werden will. Ich weiß, ist ein Minenfeld.
        Und neeee, an das, was draufsteht, kann man zwar oft glauben, aber die Frage ist doch, was NICHT draufsteht bzw. draufstehen muss, mal wörtlich interpretiert … 🤔

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  2. Es gibt ja real Zwerge und Riesen, körperlich wie geistig. Und Beide sind ja Randerscheinungen, es sei denn, man stempelt bestimmte Gruppen mit diesem Siegel ab. Und da muss man so weit nicht suchen, wer den Stempel in der Hand hält, um eine Unterscheidung zu markieren.

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  3. Märchen müssen nicht wahr sein. Sie dürfen die Realität aufhübschen. Es ist nicht wichtig wie wahr sie sind; die lehre daraus ist das , was zählt.
    Allerdings sind nicht alle Märchen lehrreich bzw. ist es gut, dass irgendwann begonnen wurde, Märchen auch mal zu entlarven.
    Die wahren Geschichte sind immer die unglaubwürdigsten…

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