Nur ein Zungenschlag

Hoffnungsschimmer, unverzeihlich und nähen: Diese drei Stichwörter zur ersten Schreibeinladung von Christiane in diesem Jahr haben mich veranlasst, eine Beobachtung zu schildern, die eigentlich belanglos, mir aber vielleicht gerade deshalb aufgefallen ist.

Wenn ich der einzige wäre, dem das aufgefallen ist, wäre es unverzeihlich, für mich zu behalten, was mir aufgefallen ist, nämlich dass sich unsere auf Kante genähte Regierungskoalition eines Vokabulars befleißigt, das man sonst eher aus Predigten gewohnt ist. Ist man fromm geworden?

Demütig jedenfalls schon. Der Lindner zum Beispiel macht voll auf demütig, nur weil er jetzt mit „Herr Finanzminister“ angeredet wird. Auch der bayerische Ministerpräsident Söder teilte bei seiner Neujahrsansprache, ganz die Reue, mit, dass er die Corona-Tratzereien nicht nur „stramm“ hätte verkünden, sondern auch erklären sollen. Vielleicht hat er sich von der Weihnachtsansprache unserer Landtagspräsidentin Aigner inspirieren lassen, die angesichts eines Jahrs „der unerfüllten Hoffnung“ von der Politik, also von einem wie dem Söder, Demut forderte. Demut in der Politik? Wer‘s glaubt.

Dazu wird auch noch eine „Hoffnungsschimmer“-Lichtinstallation ans Ende des „Pandemietunnels“ projiziert, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Z.B. der Drosten. Er und Hoffnungsschimmer waren bisher ein Widerspruch in sich, und auf einmal geht‘s. Auch der Lauterbach will plötzlich Hoffnung machen, seit er Gesundheitsminister ist. Unsere Ex-Corona-Kassandra als Hoffnungsträgerin. Du liebe Güte! Zur Erinnerung: Hoffnung gehört neben Glaube und Liebe zu den göttlichen Tugenden. Immerhin: Lauterbach hat seinen Amtseid mit dem Zusatz „So wahr mir Gott helfe“ abgelegt.

Ich glaube zwar nicht, dass den Bundestag künftig rhetorische Weihrauchschwaden durchziehen werden. Aufgefallen ist mir der neue Zungenschlag aber schon, weil ich mich an Regierungswechsel erinnern kann, bei denen die Machtübernehmer vor lauter Aufgeblasenheit kaum noch schnaufen konnten. Und das wollte ich nicht für mich behalten.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

7 Kommentare zu „Nur ein Zungenschlag“

  1. Möglicherweise ist einzelnen Herrschaften aufgefallen, dass das Volk, für das sie angeblich stehen, ihnen zu einem signifikanten Teil nicht mehr glaubt bzw. immer weniger glaubt. Dann würde ich auch zurückrudern und Kreide fressen. Sicherheitshalber.
    Grimmige Morgenkaffeegrüße (und danke) 😏☁️☕🍪👍

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  2. Wollen wir denn die wirkliche ganz brutale Wahrheit wissen? Der Aufschrei der Bild-Zeitung hallt doch schon durchs Land, was das UNS ALLE kosten wird (was wir selbst verbrochen haben, aber weiterhin unter den Teppich kehren). Taktieren heißt doch auch immer: was kann ich meinem Gegenüber denn maximal zumuten.

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