„…weil ich dich liebe“

Es ist nicht wahr, dass unser Gott, der Gott der Christen, denen die Macht gegeben ist, seine Kinder zu sein – es ist nicht wahr, dass dieser Gott, unser Vater im Himmel, ein rachelüsterner Gott ist.

Und an der Spitze des Tannenbaumes hing ein silbrig gekleideter rotwangiger Engel, der in bestimmten Abständen seine Lippen voneinander hob und „Frieden“ flüsterte, „Frieden“. (Heinrich Böll, Nicht nur zur Weihnachtszeit)

1
Es ist nicht wahr, dass unser Gott, der Gott der Christen, denen die Macht gegeben ist, seine Kinder zu sein – es ist nicht wahr, dass dieser Gott, unser Vater im Himmel, ein rachelüsterner Gott ist.

Das Evangelium ist die Grundlage unseres Glaubens. Das Evangelium ist eine Botschaft der Liebe. Liebe heißt Frieden.

Gott liebt uns Menschen. Welchen Anlass hatte er sonst gehabt, den Menschen die Erde als Paradies einzurichten? „Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte.“ (Gen 2,15)

Frieden ist ein zerbrechlicher Zustand. Die Erzählung vom Paradies ist für uns bestenfalls noch ein Mythos, dem wir nachtrauern, nachträumen.

2
Man kann alles übertreiben. Bis zum Exzess. Dann ersticken Rituale an der Routine der Wiederholung.

Zu Weihnachten ruhen in vielen Kriegsregionen der Welt die Waffen. Weihnachten – das Fest des Friedens? In vielen Familien entladen sich gerade zu Weihnachten latente Konflikte in Aggressionen der übelsten Art. Futter für die Medien, die nach dem Fest ihr Lied von der Bosheit des Menschen wie gehabt hinausschreien können.

Was macht man nicht alles um des lieben Friedens willen! Man steckt zurück, man verleugnet sich selbst. Viel zu oft verdrängt man sich nur und schafft so den besten Nährboden für Konflikte.

Man will seine Ruhe, man will seinen Frieden. Wer sucht schon gerne Streit mit seinen „Lieben“?

Da war doch auch einmal dieses Versprechen, dieses „bis dass der Tod euch scheidet“. Friede bis zum Exzess? Ein kleiner Funke zur Unzeit genügt, und schon entlädt sich von irgendwoher eine gewaltige, gewalttätige Kraft. Jeder Vorsatz und jedes Versprechen wird dann, oft schon in Sekunden, zur Makulatur.

Ehegatten können sehr grausam zueinander sein, Vater und Mutter zu ihren Kindern, Kinder zu ihren Eltern. Der Haussegen hängt schief – welch zynischer Euphemismus!

„Damals erfuhr ich es am eigenen Leibe, was Unterschied sei zwischen einer Ehe, die geschlossen ist zum Zweck, Kinder zu erzeugen, und zwischen einem Bund wollüstiger Liebe, wo Kinder geboren werden gegen Wunsch und Wille, wenn sie auch, geboren, uns zur Liebe zwingen.“ (Augustinus, Bekenntnisse)

3
Unser Gott macht es uns und denen, die nicht so recht an ihn zu glauben vermögen, nicht einfach. Er sprüht vor Zorn. Dann kann er alles kurz und klein schlagen. Und er fließt über vor Liebe zu uns Menschen. „Um ihn aber so. blind zu machen und ihn daran zu hindern, auch nur die kleinste Rechnung zu schreiben, muss man verstehen, ihn beim Herzen zu nehmen. Dort ist seine schwache Stelle.“ (Theresia von Lisieux)

Er opfert seinen Sohn, der auf bestialische Weise umgebracht wird, obwohl er gesagt hat: „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.“ (Mt 5,9)

Aber von eben diesem Sohn Gottes stammt auch die irritierende Behauptung, nicht, um den Frieden, sondern um das Schwert zu bringen, sei er gekommen. Nein, er macht es uns nicht einfach. Frieden als Gottes Werk, gut. Aber das „Schwert“ als Gottes Werk?

4
Für viele hat die Familie ausgedient. Glück, weil man in der Familie einen Sinn fürs Leben finden kann, ist für viele Menschen nur ein trügerisches Versprechen, das die Familie nicht hält. Seifenblase einer großen Illusion, die mit einem lauten Knall oder kaum vernehmbar zerplatzt, nachdem sie der Wind in schwindelnde Höhen emporgetragen hat. Spektakel für die Skeptiker, die mit Ehe und Familie nichts oder nichts mehr am Hut haben. Die genug haben von ihr.

Sie ziehen sich zurück und suchen nach Alternativen: die Schwulen, die Kinder durch Adoption bekommen wollen, die Geschiedenen, die nicht allein bleiben wollen und gemeinsam wieder Kinder zeugen, Frauen, die nicht den Mann fürs Leben suchen, sondern nur einen Erzeuger für ihr ganz persönliches Wunschkind brauchen, das sie dann alleine erziehen wollen, Wohngemeinschaften aller Art, Alternativen zu Ehe und Familie.

Kann man sie nicht verstehen? Wenn man als Kind jahrelang erlebt hat, wie sich Mutter und Vater gegenseitig wüst beleidigen, sich schlagen und verletzen? Wenn man als Kind selber Opfer von unberechenbaren Aggressionen geworden ist, die sich in brachialer Gewalt entladen haben oder mit subtilen psychischen Methoden verwirklicht worden sind?

5
Ich selbst habe als Kind diese Angst gespürt. Allein in meinem Zimmer. Und unten bricht zwischen Vater und Mutter ein Tumult aus. Wie so oft, wenn Vater voll geladen mit Bier vom Wirtshaus heimgetorkelt ist. Der Alkohol kann zwei Menschen aus einem machen.

Jetzt ertappe ich mich dabei, dass ich als Vater und Ehemann wieder Konflikte verursache, die ich eigentlich vermeiden wollte. Kann man Konflikte vermeiden? Konflikte, weil die Last des Berufs zu sehr drückt, weil die Kinder Dummheiten machen, weil weil weil???

Oft sind es nur Kleinigkeiten. Schon ein Wetterumschwung kann so an der Seele kratzen, dass sie chaotisch um sich wütet.

Hier muss die Liebe, die man ja bis zum Tode versprochen hat, zu ihrem Recht kommen. Konflikte sind ohne Liebe zügellos und sie lösen sich letztlich nur in eine Richtung auf: in Unversöhnlichkeit und Hass. Eine Tragödie kann beginnen.

Hass geht jedem Neuanfang geflissentlich aus dem Weg. Er will nur das Chaos, die Wut, die Zerstörung.

6
Friede ist kein Zustand. Friede ist ein Prozess. Vor allem ist er keine Selbstverständlichkeit. Man muss etwas für ihn tun. Man muss ihn tun.

Jede dritte Ehe wird derzeit geschieden, in Großstädten sogar jede zweite. Ist die Familie im Begriff, an ihren Konflikten zu Grunde zu gehen, weil sie diese nicht zu lösen in der Lage ist, weil sie sich an ihnen abnutzt?

Trotzdem: Immer wieder schließen junge Frauen und Männer die Ehe, gründen eine Familie. Voller Hoffnung und Optimismus riskieren immer noch viele diesen Schritt in eine ungewisse Zukunft, an dessen Anfang ein ungeheures, schier unmenschliches Versprechen steht und dessen Ende oft ein tragisches und heillos verworrenes Knäuel von Krisen und Konflikten, von Vorwürfen und Schuldzuweisungen bildet, das, wie der gordische Knoten durch einen Schwertstreich, nur durch den gezielten Hieb der Scheidung gelöst wird.

7
Nein, unser Gott ist kein Rachegott. Er liebt uns.

Die Bibel und die Geschichte der Christenheit liefern dafür eine beachtliche Kette von Belegen. Wer sie liest als die Biographie Gottes, als die Niederschrift seines Lebens und Wirkens in dieser Welt, der wird keine Schwierigkeiten haben sich vorzustellen, dass die Biographie Gottes Brüche aufweisen kann. Deshalb noch einmal die Frage: das Schwert als Werk Gottes?

Gott liebt. Wie oft fällt es uns schwer, menschliches Handeln zu verstehen. Umso schwerer verständlich ist Gottes Handeln.

Gott liebt. Welche Verrenkungen vollführt man nicht um einen Menschen, nur weil man ihn liebt und sich aus irgendeinem Grunde um ihn sorgen muss, sei es seines Leibes, sei es seiner Seele wegen? Gott liebt.

Deshalb gibt er Leben, indem die Menschen frei über den wunderbaren Schatz der Sexualität verfügen dürfen, die in den Kindern aus Vater und Mutter eins macht und die die Unendlichkeit des Lebens andeutet, immer wieder ja zum Leben sagt, immer wieder ja.

In der Sexualität kommt uns die Liebe leiblich lustvoll und seelisch befriedigend. Leidvoll kommt uns die Liebe in Krankheit, Krisen und Not.

Die Familie ist die Wiege der Liebe für eine menschliche Gesellschaft.

8
„Die kindliche Liebe folgt dem Grundsatz: ‚Ich liebe, weil ich geliebt werde.‘ Die reife Liebe dagegen folgt dem Grundsatz: ‚Ich werde geliebt, weil ich liebe.’ Die unreife kindliche Liebe sagt: ‚Ich liebe dich, weil ich dich brauche.‘ Die reife Liebe sagt dagegen: ‚Ich brauche dich, weil ich dich liebe.‘“ (Erich Fromm, Die Kunst des Liebens)

(erstmals veröffentlicht in: kontraste 2/1989, Herder, der neuen Rechtschreibung angepasst)

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

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