Falsche Erwartungen

In seiner Verzweiflung versuchte Alexander seinen Heimweg unter allen Umständen zu verlängern. Da passte ihm die erneute Verspätung der Bahn recht gut. An anderen Tagen hätte er sich darüber wieder einmal maßlos geärgert. Was würde wohl passieren, wenn er mit diesem Zeugnis nach Hause kommen würde?

Die zwei Fünfen prangten klar und deutlich auf dem Papier. Das Schuljahr musste er wiederholen. Unwillkürlich rannen ihm einzelne Tränen über die Wangen – Jungen sollten doch nicht weinen- zumindest nicht in der Öffentlichkeit.

Alexander hatte sich doch so angestrengt. Jedoch fiel ihm das Lernen auf dem Gymnasium immer noch schwer. Neidisch und doch etwas stolz wanderten seine Gedanken zu seinem Bruder. Dieser hatte das Gymnasium mit einem grandiosen Schnitt von 1,0 abgeschlossen. Als Nesthäkchen kam Alexander ein Jahr nach seinem Abschluss auf das gleiche Gymnasium. Hohe Erwartungen wurden gesetzt – sowohl von seinen Eltern als auch von den Lehrern. Er hatte sich das zu Herzen genommen. Er wollte es seinen Eltern und Lehrern recht machen. Sein Bruder wurde ihm immer als Vorbild dargestellt. Schau – so kannst du etwas im Leben erreichen. So oder so ähnlich erklang es oft. Diese Worte sollten ihn trotz seiner schlechteren Noten motivieren. Das Gegenteil jedoch war der Fall. Alexander spürte einen immensen Druck, dem er unbedingt gerecht werden wollte.

Nun – am Ende des Schuljahres – jedoch machte er sich nun bittere Vorwürfe, dass er die großen Fußstapfen seines Bruders nicht ausfüllen konnte. Bis zuletzt hatte er noch gehofft, nicht wenigstens die Klassenstufe wiederholen zu müssen, wenn er schon nicht die guten Noten seines Bruders heimbrachte. Dieser kleine Hoffnungsschimmer zerplatzte jedoch mit dem Erhalt des Zeugnisses.

Leise seufzend stieg er in die Bahn ein, die schließlich doch kam. Alexander hoffte, die Bahn würde noch oft anhalten, um das Gespräch mit seinen Eltern hinauszuzögern. Dieser Wunsch jedoch wurde ihm nicht erfüllt. Schneller als erwartet stand er nun vor der Haustür. Mit pochendem Herzen betätigte er nach kurzem Zögern die Klingel. Als seine Mutter die Tür aufmachte und er ihr stumm das Zeugnis überreichte, löste sich seine Anspannung und er fing an, bitterlich zu weinen.

Seine Mutter nahm ihn einfach nur liebevoll in den Arm und er fühlte sich getröstet.

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