Lilu – Die Fernsehfernbedienung/Teil 2

Wieder da

Er war also wieder da, dieser Lilu vom Stamme der Lulis, so klein, dass er mühelos auf einer Schreibmaschinentaste sitzen und stehen kann. Jetzt saß er auf meinem Ohr, als ritte er auf einem Pferd. Aber ich bin kein Pferd, und wenn ich alles andere als gut gelaunt bin, dann kann ich es nicht leiden, wenn einer auf meinem Ohr reitet. Lilu gegenüber war dies meine schwächste Stelle, bil­dete ich mir wenigstens ein. Aber ehrlich gesagt, Lilu war mir im­mer überlegen. Wenn er auf meinem Ohr saß, war ich ihm bis in meine Gedanken hinein ausgeliefert. Ihr wisst ja, dass er an diesem Platz meine Gedanken, die in meinem Kopf um­gingen, hören konnte. Jawohl, hören, wie immer er das auch anstellte. Und ich sage euch: Das ist ausgesprochen unangenehm. Außerdem sucht er sich mein Ohr immer dann als Mit­gehgelegenheit aus, wenn es mir nicht passt, und damals passte es mir schon gleich gar nicht.

„Halt’ dich da raus. Das geht dich nichts an!“ zischte ich los. Dabei hätte es genügt, wenn ich dies nur gedacht hätte. Aber ich war eben sauer, und woher soll ich wissen, wie ich einen Gedanken zu denken habe, dass er sauer klingt.

Da bog vor uns eine Gruppe von drei Menschen von links auf unse­ren Weg ein. Einer von diesen drei Menschen war eine Frau, die in einem ausgesprochen engen ausgesprochen roten Kleid steckte. Nach einigen Schritten musste sie ihr Kleid immer wieder nach unten zie­hen, weil es ihr sonst womöglich über den Kopf da­von geflattert wäre. Das Kleid hatte in etwa die Größe eines Knieschoners. Sie hatte offenbar eine leitende Position inne. Denn sie telefo­nierte mithilfe eines schnurlosen Telefons, durch das sie sehr präzise Anweisungen gab. Die beiden Männer hielten sich zurück.

„Ich habe gefragt, was du für ein Seil meinst, habe ich gefragt!“

„Du gehst mir ungemein auf den Wecker, weißt du das! Geh sofort runter von meinem Ohr!“ Ich hätte natürlich flüstern sollen. Statt dessen redete ich laut und deutlich, so dass die Dreiergruppe ihren schnellen Gang stoppte und sich plötzlich die Last von drei fra­genden Gesichtern auf mich konzentrierte. Ich lächelte blöde. Die rote Dame ließ den Telefonhörer langsam sinken, aus dem unentwegt eine Stimme krähte: „Hallo! Hallo!“

„Würden Sie mich bitte vorbeilassen, ich muss zur S-Bahn! Verbind­lichen Dank!“ sagte ich hastig und machte mich auf und davon.

Wenige Minuten später saß ich in der S-Bahn, die wie eine ge­dämpfte Sirene aufheulte und davonfuhr. „Ich wünsche Ihnen einen recht schönen guten Morgen!“ tönte es aus dem Lautsprecher. Auf der Stelle, wenn auch nur für kurz, war meine Grummeligkeit dahin, so sehr überraschte mich die Fröhlichkeit aus dem Lautsprecher. Das war man nicht gewohnt. Auch die anderen Fahrgäste horchten auf. Einige Augenblicke lang war kein Geräusch zu vernehmen. Nur aus dem Lautsprecher kam die Durchsage der nächsten Haltestelle, gleich­falls in ungewöhnter Höflichkeit. Aber bald war wieder alles so wie vorher.

Mir kam ein Bericht in den Sinn, den das österreichische Fernse­hen am Tag zuvor gesen­det hatte. Man will Wladimir Iljitsch Lenin, den Gründer der Sowjetunion, beisetzen. Nach­dem schon vor einigen Wochen die Wachen vor dem Lenin-Mausoleum in Moskau abgezo­gen wor­den waren, soll nun Lenin selbst verschwinden und beigesetzt wer­den. Ich überlegte mir, ob das nicht der Stoff für ein Theater­stück wäre. Da soll etwas geschehen, was für Tote sonst ganz na­türlich und normal ist. Doch plötzlich wird das zum Problem. Was soll denn aus dem Mausoleum werden? Was wird mit den Menschen, die darin gearbeitet und dafür gesorgt haben, dass es dem Leichnam an nichts mangelt? Und heute morgen las ich in der Süddeutschen Zei­tung, dass der Nachbarschaftsverein in Parla, einem Arbeitervorort von Madrid, die Leninsche Leiche erwerben und zur Touristenattrak­tion machen möchte. Viel­leicht erwerben die die Menschen, die über die Jahre hinweg so sorgsam auf Lenins Überres­te aufgepasst haben, mit. Nein, ich mache daraus besser kein Theaterstück. Mit den Ko­mödien, die das Leben über den Tod schreibt, kann ich nicht mithalten. Aber auch diese Komödien schreibt ja nicht „das Leben“, sondern der Mensch. Ich würde also nur noch eine Komödie schrei­ben, die andere vor mir schon inszeniert haben. Ich frage Euch: Welchen Sinn hätte das?

Unwillkürlich las ich in einigen Zeitungen. Ich wollte gar nicht lesen, ich wollte eigent­lich meine Ruhe. Aber wer lesen kann, kann, wenn er Buchstaben einer Sprache, die er be­herrscht, sieht, nichts anderes tun als lesen. Und ich sah dicke und große Buchsta­ben aus den Zeitungen, die rings um mich herum gelesen wurden. Ich las, dass ein Mann erfolgreich einen Doppelgänger zum Vater­schaftstest geschickt hat; ich las über die Sache mit dem toten Lenin; ich las über Michael Jackson, der unter dem Trubel des Vorwurfs, er hätte Kinder se­xuell missbraucht und von seiner Schwester belastet wurde, nun seine Welttournee abgebro­chen hat. „So wurde der Klopa­pier-König beschissen!“ habe ich auch gelesen – aber schon einige Jahre früher.

Warum müssen die Leute in einer S-Bahn immer Zeitung lesen und sie so halten, dass man gar nicht anders kann als über die Schulter mitzulesen? Welche Aufdringlichkeit!

Schweben

Plötzlich begann ich zu schweben. Ja, ihr habt richtig gelesen: zu schweben! Ich weiß nicht, ob es die anderen Fahrgäste sehen konnten, aber ich fühlte es ganz deutlich: Irgend­eine unsichtbare Kraft umhüllte mich und hob mich sanft und sachte hoch. So überra­schend leicht zu werden, ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Ich wurde vielleicht fünf Zentime­ter hochgetrieben. Meine Hände hätten ohne Mühe zwischen Sitz und Oberschenkel Platz ge­funden. Etwa eine halbe Minute später löste sich die mysteriöse Kraft und ließ mich zurück auf den Sitz plumpsen. Ganz deutlich hörte ich ein „Uff!“, ganz deutlich und ganz nah an meinem rechten Ohr.

Ich hätte mir denken können, dass dieser Lilu wieder hinter der Sache steckte. Jetzt war mir alles klar, dachte ich.

„Gar nichts ist dir klar!“ belferte Lilu mir ins Ohr, auf dem er saß. „Weißt du denn, was ich gemacht habe, weißt du das, hm?“

Er hatte recht. Ich wusste zwar, was geschehen war, aber wie mir geschehen war, wusste ich nicht.

„Du wirst es mir sagen!“ dachte ich zu Lilu.

„Warum sollte ich?“

„Weil es mich interessiert und ich ein Recht darauf habe zu er­fahren, was du mit mir ge­macht hast.“

„Wenn dir nichts Besseres einfällt, kommst du mit deinem Recht daher. Damit kannst du aber bei mir nicht landen kannst du!“

„Aber als Mensch habe ich nun einmal Rechte, verstehst du.“

„Ach ja!“ spöttelte er. „Und was für ein Recht hast du jetzt, ge­nau in diesem Augen­blick?“

Diese Frage kam überraschend, und für ein paar Sekunden wusste ich nichts zu sagen.

Ich versuchte meinen gedachten Worten ein hohes Maß an Souveräni­tät beizulegen: „Ich meine natürlich mein Recht auf Selbstbestim­mung.“

„Auf was?“ fragte Lilu.

„Auf Selbstbestimmung!“ Ich betonte jede Silbe dieses Wortes, auch wenn es ungeheuer schwer ist, so etwas zu tun, wenn man zu jemandem nur denkt und nicht spricht. „Kennst du das denn nicht?“

„Klar kenne ich das, dieses Recht drauf. Ich brauche überhaupt kein Recht brauche ich, weil ich mache sowieso immer nur das, was ich will. Dazu braucht mir keiner extra irgend­ein abstraktes Recht auf was auch immer zu geben. Du brauchst natürlich wieder einmal ex­tra ein Recht. Typisch Mensch!“

„Bist du denn kein Mensch?“ Ich wusste, dass ihn diese Frage reizte.

„Je nachdem, wie es mir passt! Jedenfalls bin ich nicht so emp­findlich wie du, wenn mich mal einer schweben lässt.“

„Aber du kannst mir doch sagen, wie du das gemacht hast?“

„Kann ich schon.“

„Und?“

„Also ich habe da so eine Fernsehfernbedienung. Weißt du, so eine, wie du sie daheim vor dem Fernseher rumliegen hast. Da habe ich meine abgeschaut und nachgemacht. Aber meine funktioniert ein bisschen anders. Viel schöner!“

„Viel schöner? Was meinst du damit?“

„Na, schöner eben!“

„Hat deine Fernbedienung mehr Knöpfe als meine?“

„Quatsch! Du bist vielleicht ein dummer Mensch! Schöner heißt na­türlich, dass ich mit meiner alles machen kann, was ich will. Ei­gentlich brauche ich dazu ja keine Fernbedienung, weil ich immer nur mache, was ich will. Aber es ist so schön, auf diese Knöpfchen zu drü­cken. Ich weiß gar nicht so genau, was dieses Kästchen alles kann. Ich habe gar nicht gewusst, dass ich dich damit schweben las­sen kann. Du kannst ja nur diese fertigen Bilder auf deinem Fern­seher verschwinden lassen. Das wäre mir zu langweilig.“

„Und damit hast du mich schweben lassen?“

„Ich habe da auf einen Knopf gedrückt und mir vorgestellt, zu fliegen, und dann bist du geschwebt.“

„Du wolltest mich gar nicht schweben lassen?“

„Eigentlich wollte ich selbst schweben. Aber vielleicht war das schuld, dass ich auf dei­nem Ohr sitze.“

„Aha!“

„Weißt du, dass du ganz schön schwer bist du? Mann, ich habe ganz schön fest drücken müssen!“

„So einen Blödsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört!“ dachte ich frei heraus, und das war sehr, sehr unvorsichtig. Ich hätte wissen müssen, dass Lilu ausgesprochen wirksame Mittel und Wege zur Revanche hat.

„Du wirst schon noch sehen, was ich mit meiner Fernsehbedienung al­les machen werde, wirst du! Damit raube ich der Wirklichkeit ihre Träume, so wie das Fernsehen den Träumen die Wirklichkeit raubt“, sagte er mir mit eisigem Ton ins Ohr. Ich kapierte kein Wort, hörte auch gar nicht richtig zu. Meine Grummeligkeit war in­zwischen verflogen. Mit der leichtferti­gen Überheblichkeit des ra­tional denkenden Menschen amü­sierte ich mich über die­sen Unsinn, den Lilu mit allem Ernst vortrug.

„Wie hast du dieses Ding überhaupt konstruiert?“ fragte ich mehr von oben herab.

„Ganz einfach! Ich habe deine Fernsehfernbedienung fotografiert und dann in meinen Computer eingegeben.“

Da stutzte ich. Fotografiert? Aber womit? Und woher hatte Lilu einen Computer? Ich meine: Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn je­mand einen Fotoapparat und einen Computer besitzt. Aber wenn ein Wesen, das so „groß“ ist, dass es mühelos auf einer Schreibmaschi­nentaste stehen kann und das ein Häuschen in meinem Bücherregal bewohnt, diese Geräte sein eigen nennt, dann…

„Aber das ist doch Unsinn!“ dachte ich zu Lilu. „Womit willst du fotografieren? Und wo­her hast du einen Computer, der so klein ist, dass er in dein Haus passt?“

„Von wegen Unsinn! Du hast doch auch einen Computer, der immer so schön klackt, wenn du auf die Tasten drückst.“

„Ja, seit einem halben Jahr.“

„Dann darf ich auch einen haben darf ich!“

„Aber wie kommst du zu einem Computer?“

„Eigentlich brauche ich gar keinen Computer, weil ich mache so­wieso immer nur, was ich will.“

„Das ist mir inzwischen bekannt. Aber willst du mir nicht endlich sagen, wie du zu dei­nem Computer gekommen bist, oder schwindelst du mich bloß an?“

„Ich schwindele dich nicht an!“ schrie er mir ins Ohr. „Ich habe die Fernsehfernbedie­nung fotografiert und durch Mund zu Mund-Beat­mung in den Computer gespeichert und dann ausdrucken lassen. So war das! Bist du jetzt zufrieden?“

„Ausdrucken lassen?“

„Natürlich! Und ich hoffe, du verstehst, dass ich ein Foto von deinem Computer gar nicht hätte speichern können, weil ich damals noch gar nichts hatte zum Speichern.“

„Klar verstehe ich das. Und wie bist du an den Fotoapparat gekom­men? So wie ich dich kenne, wahrscheinlich mit dem…“

„Genau, mit dem Fotoapparat-Mach-Trick!“ sagte er triumphierend. „Manchmal bist du gar nicht so dumm, Bernhard, ehrlich!“ Das war zwar nicht gerade ein schmeichelhaftes Kompliment, aber immerhin ein Kompliment. Endlich erreichten wir die Haltestelle Marien­platz, und ich stieg, mit Lilu auf dem rechten Ohr, aus.

Da ich noch gute 30 Minuten Zeit bis zu meinem Termin im Kultus­ministerium, dem „KuMi“ hatte, beschloss ich, zuvor bei Rudi, bei Rudolfo Massimo, bürgerlich: Rudolf Klein, einzukehren. Von da aus waren es nur mehr fünf Minuten zu Fuß ins KuMi.

Dieser Rudolfo Massimo hatte trotz seines be­trächtlichen Al­ters schwarzes Haar, ohne eine einzige graue Strähne – vielleicht war es gefärbt -, das auf einem breiten Gesicht auf­ruhte und von einem Scheitel in der Mitte ge­teilt wurde, der wie von einem Pflug gezo­gen aussah und sich in unsichtbarer Linie über Stirn und Nase bis zur Oberlippe fort­setzte, wo er inmitten eines schwungvoll gewölb­ten Schnurrbartes wieder sichtbare Gestalt annahm. Seine alte und ehrwürdig ergraute Mutti rief ihn immer so: „Rudilein!“ Oder, was nur bei besonde­ren Anlässen passierte: „Rudileinchen!“ Rudilein war 50, Mutti war 75 Jahre alt.

Rudilein hatte eine tiefe Beziehung zur Kunst. Deshalb handelte er mit Büchern und Schallplatten der, sagen wir, avantgardisti­schen Art. Er war selbst leidenschaftlicher Künst­ler, was sich li­terarisch und malerisch bemerkbar machte und sich sogar in sei­nem Künstler­namen niederschlug: Rudolfo Massimo. Doch mit seiner Kunst handelte er nie. Er wurde reich nur dadurch, dass andere Künstler durch ihn ihre Hervorbringungen vor die „Säue der Kunst­konsumenten“ warfen – so Rudilein einmal anlässlich einer Vernis­sage und zu einer Zeit, da er sich trotz der drastischen Worte des Applauses gewiss sein konnte. Außerdem führte Rudilein ein kleines, allerdings luxuriös wirkendes Café, in der Nähe des Hotels Bayeri­scher Hof am Pacelli­platz, in dem sich spät abends so mancher Künstler von den Strapa­zen eines musevollen Tagewerkes erholte oder so einer wie ich sich auf einen mühe­vollen Tag vorbereitete.

Teil 3 folgt nächsten Mittwoch.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

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