Lilu – Der Druck lässt nach/Teil 3

Einmal vor, einmal zurück

Ich wollte mich gerade in meine Gedanken über die einzigartige menschliche Würde vertie­fen und ihnen eine Weile mit Muße nachhän­gen, als mein Blick die Uhr streifte, die über der Tür hing, wel­che, schwungvoll verziert, zum Vorraum hinaus­führte. Da schrak ich zusam­men:

„Mein Gott!“ dachte ich. „Meine Bücher!“ Wieso kam mir, als ich damals, und auch nur zu­fällig, diese Uhr sah, jenes Schreckge­spenst in den Sinn? Ich finde bis heute keine Erklärung dafür. Wieso dachte ich plötzlich wieder an diesen Großen Bernhardini? Wieso hatte ich plötzlich Angst um meine Bücher daheim? Vielleicht lag es daran, dass das Arbeitszimmer des Großen Bernhardini eine viel zu große Ähnlichkeit mit dem meinen hatte, verschieden ei­gentlich nur in den gewaltigen Ausmaßen.

Um es kurz zu machen: Wie der Blitz jagte mich auf einmal die Angst, alle Bü­cher zu Hause wären leer, die Druckerschwärze in ih­nen wäre erlo­schen. Für im­mer.

Sofort stürzte ich aus dem wohligen Nass, das mir nunmehr hinder­lich war. Ich duschte in sekundenschnelle, und ebenso schnell war ich angekleidet. Glücklicherweise war es nicht nötig, die Haare zu fönen. In dieser Sommerhitze kann man sich nicht erkälten.

Ich eilte die Zweibrückenstraße hinunter und stand bald keuchend am Bahnsteig der S-Bahn-Haltestelle am Isartor. Erst jetzt er­kannte ich, dass ich mir die Eile hätte sparen können. Die nächste S-Bahn kam erst in 38 Minuten. Auch das noch! An sich fällt es mir leicht, zu war­ten. Aber an diesem Tag wurde ich ganz kribbelig. Nur um etwas zu tun, stieg ich in die nächste S-Bahn und fuhr zum Ostbahnhof, wo ich mir im unterirdischen IC-Pub ein Pils geneh­migte. Gegen­über wurden Zeitschriften, Zeitungen und Bücher ver­kauft. Wenn die wüssten, welche Sorgen mich plagten!

Jedes Buch ist ein Geheimnis für mich; selbst wenn ich eines ge­lesen habe, bleibt es für mich ein Geheimnis, ein wundervolles Rätsel der Menschheit, das die greifbare Form eines Buches ange­nommen hat. Hinter einem mehr oder weniger schönen, mehr oder we­niger luxuriös aufgemachten Umschlag verschanzt sich dieses Rätsel in Regalen von Bibliotheken, in Kisten auf Speichern, und däm­mert durch die Geschichte der Zeit, immer bereit, stets aufs neue zu erwachen und entdeckt zu werden, jedoch nie seine geheimnisvolle Natur ver­ratend.

Ich habe großen Respekt vor Büchern. Sie in die Hand zu nehmen, bedeutet für mich oft eine Überwindung. Manches Mal lege ich ein Buch, das ich zu lesen beginne, und das mir auf ir­gendeine Weise außer­gewöhnlich, vielleicht genial erscheint, nach wenigen Seiten mit einem leichten Zittern wieder weg, ehe ich mich nach einiger Zeit wieder an es heranwage. Bücher leben, ob­wohl sie stumm sind, obwohl sie blind sind, obwohl sie nicht atmen. Sie sind an­ders als alles, was sonst der Mensch geschaffen hat. Ein Rad ist ein Gegen­stand, dem eine be­stimmte Aufgabe zu­kommt, eben die, Rad zu sein.

Ein Buch ist je­doch weit mehr als nur die Summe seiner Seiten, als das Gewicht seines Pa­piers, als die verarbeitete Drucker­schwärze. Ein Buch kann ich lieben, nicht nur benutzen. Ein Buch funktioniert nicht wie eine Maschine funktioniert. Ein Buch lebt. Deshalb habe ich Re­spekt vor ihm, des­halb ziehe ich oft voll ban­ger Erwar­tung eines aus dem Regal meines Arbeitszimmers, um es zu lesen und in sein Intimstes einzutauchen. Des­halb nehme ich noch öfter ein Buch zur Hand, nur um es anzusehen, die Seiten über mei­nen Daumen streichen zu lassen und um es schließ­lich ungelesen wieder zurück­zustellen.

„Was, bei allen Nadelstreifen dieser Welt, was habe ich jetzt in diesem Pub zu suchen?“ dachte ich in meiner Erregung. „Bis ein Pils im Glas ist, dauert es ja eine Ewigkeit.“

Ich hatte aber keine Zeit zu verlieren. Die nackte Angst trieb mich um. Doch der S-Bahn-Fahrplan kennt keine Angst, auch die meine nicht. Er kennt nur Abfahrtszeiten, und ich kenne außerdem noch Verspätungen. Diese Erkenntnis stachelte meine Angst nur noch an.

Ich sah zu, wie der Zapfhahn sich bis auf dessen Boden in das Pilsglas senkte. Mit einem fauchenden und zugleich saugenden Ge­räusch gab ein Fass unter dem Tresen einen Teil sei­nes Inhalts frei. Nur zu bald war das Glas voller Schaum, der sich nun erst nach und nach absetzen musste. Wie lange das dauerte! Panik ergriff mich.

„Entschuldigung!“ sagte ich. „Ich bin gleich wieder da! Ich muss nur rasch rüber zum Kiosk.“ Hastig riss ich dort Zeit­schriften und Magazine aus dem Fächern und blätterte sie durch.

„Alles da!“ seufzte ich immer wieder erleichtert, „alles da!“

„Das will ich hoffen“, raunte die Verkäuferin, die offenbar nicht wusste, wie sie mein Ver­halten einordnen sollte, und die auch nicht wusste, was auf dem Spiel stand. Schließ­lich ver­sammelten sich an diesem Fleckchen Erde, geschätzt, einige Tausende und Abertau­sende, vielleicht sogar Millionen von Buchsta­ben. Leere Zeitungen aber kauft niemand mehr, auch oder gerade ein abgerissenes Sex­blatt nicht.

Ich ging wieder zurück in den Pub und setzte mich auf einen Bar­hocker am Tresen. Das Pils stand schon bereit, das ich mit verhal­tenem Genuss in zwei oder drei Zügen austrank. Der bitter milde Ge­schmack des Bieres flößte mir eine gewisse Gelassenheit ein, so dass ich, nachdem ich gezahlt hatte, mit einiger Erleichterung die Rolltreppe hochfuhr, um auf die S-Bahn zu warten.

Die S-Bahn fuhr ein, um mich aus München hinauszubringen. Die er­sten drei Wagen des Zuges waren, lediglich von weißen Wellenlinien durch­setzt, blutrot gefärbt, weil sie für Coca Cola Reklame ma­chen mussten. Es sah aus, als sei die S-Bahn, wie ein Stück Fleisch in Ei und Paniermehl, in Coca Cola-Reklame gewälzt worden. Ich sah es nicht gleichgültig wie sonst. Wer konnte zu diesem Zeitpunkt schon wissen, wie lange Reklame noch möglich war? Denn wenn, wie ich un­bewusst, aber begründet fürchtete, alle Buchstaben dieser Welt aus dieser Welt verschwän­den: Bedeutete das nicht auch das Aus für die Reklame? Nie mehr würde ich die groß­flächigen Wer­beplakate sehen, an denen ich bis jetzt täglich vorbeigefah­ren war und über die ich mich manchmal sogar gefreut hatte.

Ein Gefühl von Nostalgie überkam mich, als ich in den Zug ein­stieg. Was würde aus den Zeitungen werden? Sogar den Schundromanen und Boulevardzeitungen weinte ich in meinem Inneren bereits eine Träne nach, obwohl sie noch immer ihre Botschaften in die Welt hinaus­schrien. Es gab sie nach wie vor: Ich nahm in der S-Bahn ne­ben ei­nem Mann Platz, der seine Bild-Zeitung wie eine Trophäe in die Höhe hielt, um zu lesen und zu blättern. Welcher Kopf dahinter steckte, konnte ich nicht erkennen, ich nahm nur einige Schlagzei­len wahr, die von der Verderbtheit der Menschen kündeten und dazu beitrugen, dass die Auflage dieser Zeitung auch heute wieder wie jeden Tag eine hohe Zahl erreichte. Es war ein ein­ziges Ra­scheln, das die Ereignisse des Tages und dessen Lektüre in der Bildzeitung um­rahmte. Er blätterte einmal vor, einmal zurück. Las der Mann denn überhaupt? Mochte er tun, was er wollte, mich beschäftigte die Frage, ob dieser Anblick mir heute zum letzten Mal vergönnt sein würde. Was aber bedeutete eine S-Bahn noch, wenn in ihr kein Fahrgast mehr die Zei­tung läse, die man aus dem verborgenen Hin­terhalt mitlesen konnte? Ich sah eine Unzahl von Kulturen der Menschheit verschwinden. Ob die Mayas und Inkas und Azteken oder wer auch immer auf ähnliche Weise zum vergangenen Mosaikstein der menschlichen Geschichte ge­worden sind?

Ich versuchte mir auszumalen, wie ein Science-Fiction-Roman aus­sehen müsste, wenn die Menschheit plötzlich alle Buchstaben ver­löre. Doch weit kam ich nicht mit meinen Gedan­kenspielereien: Die S-Bahn kam an meinem Zielbahnhof an und ich stieg aus.

Ich rannte eilends nach Hause, beflügelt von der Sorge um unsere Bücher und um die men­schliche Kultur schlechthin. Ich zog verständnislose Blicke auf mich. Was ahnten die Leute schon von dem, was sich, ausgehend von meinem Arbeitszimmer, bald in der großen weiten Welt abspielen würde: eine Katastrophe biblischen Ausmaßes, der alles in Bücher gebundene Wissen zum Opfer fiele. Der Schaden, den ein Computervi­rus verursachen konnte, wäre ein harmloser Schabernak gegen den Schaden, den der Große Bernhardini vom Stamme der Barnherdinis mit unseren Büchern anzurichten in der Lage war.

Ich war, und nur un­gern gebe ich das hier zu, leicht verrückt im Kopf. Aber davon hatte wiederum ich damals keine Ahnung. Schließ­lich passiert im Kopf eines Menschen einfach etwas, wenn einem ein gewisser Lilu auf den Tasten einer Schreibmaschine etwas vortanzt und auch sonst tut, was er will.

Lachen aus schadenfroher Seele

Toni hatte gar keine Gelegenheit, mich mit einem Küsschen zu be­grüßen, ich sagte zu ihr und zu den Kindern nur insgesamt „Hallo!“. Die Schuhe warf ich im Laufen hinter mich, die Jacke be­hielt ich an. So rannte ich die Treppen hoch ins Arbeitszimmer. „Hoffentlich! Hof­fentlich!“ stieß ich unentwegt hervor, „hoffentlich!“

Ich riss die Tür zum Arbeitszimmer auf und griff wahllos ins Bü­cherregal. Ein Buch ums an­dere zog ich heraus und ließ die Sei­ten fliegen. „Alles da!“ rief ich bei jedem Buch aus. „Gott sei Dank, alles da!“ Am liebsten hätte ich jedes Buch einzeln durchge­sehen. Aber nach vielleicht fünfzig Büchern war ich überzeugt, dass alles da war. Alles war wie immer. Der Große Bernhardini hatte keine Gewalt über die Bücher dieser Welt.

„Was ist mit dir?“ fragte Toni, die nachgekommen war. „Hast du das Dampfbad nicht ver­tragen? Warum sollte nicht mehr alles da sein?“

„Ach, weißt du, ich war im Liluland, und ich hatte plötzlich Angst, dass der Große Bernhar­dini, der den lieben langen Tag nichts anderes tut als schreiben, wobei die Buchstaben sich sofort in Wirklichkeit auflösen, dass dieser Bernhardini vielleicht auch un­sere Bücher auflösen könnte. Ach, bin ich glücklich! Verstehst du?“

„Nein. Aber wenn du glücklich bist, freue ich mich.“

Da vernahm ich ein Lachen, wie es aus der hämischen Tiefe einer schadenfrohen Seele kommt. Es war Lilu, der in seinem Garten am Rande des Regals saß und die Beine vom Brett baumeln ließ.

„Na, wie ich höre, hast du sie noch alle hast du.“

„Klar, warum auch nicht?“

„Sag’ mal, mit wem redest du?“ fragte Toni, die sich an den Blu­men am Fenster zu schaffen machte. Aber sie ahnte schon, dass es nur Lilu sein konnte. „Wahrscheinlich ist es wieder dieser Lilu.“

„Du hast recht“, sagte ich zu ihr.

„Du kannst vielleicht rennen“, sagte Lilu. „Also da frage ich mich doch, ob ich mit einem meiner Tricks je so schnell so weit ge­kommen wäre.“ Und wieder lachte er. Er fand sich wohl sehr wit­zig und ironisch. Jedenfalls machte er sich wieder einmal auf meine Kosten lu­stig.

„Ich setze Wasser auf für Tee“, sagte Toni und ging in die Küche.

„Ich komme gleich“, sagte ich.

„Weißt du, dass ich dir noch ein Gedichtsel schuldig bin?“ fragte Lilu.

„Was gehen mich deine Gedichtsel an. Glaubst du, ich lasse mich von dir auslachen, wenn ich Angst um meine Bücher habe, und höre mir dann deinen Blödsinn an? Du weißt über­haupt nicht, was in Bü­chern alles steht.“

„Na und? Was wäre schon verloren, wenn du keine Bücher mehr hät­test: schwarze Farbe, nichts als schwarze Farbe, die ihr Menschen aus euren Hirnen in Bücher presst. Und wenn die dann in Regalen stehen, glaubt ihr, sie seien für die Ewigkeit gemacht. Blödsinn!“

Darauf konnte ich nichts erwidern. Er hatte ja wieder einmal ir­gendwie recht, aber ich gab ihm trotzdem zu erkennen, dass ich leicht gekränkt war. Immerhin bin ich meinen Büchern zuliebe ge­rade eben gerannt als ginge es um mein Leben. Und er sagt „Blödsinn!“ dazu.

„Also ich“, sagte Lilu, „ich brauche keine Bücher. Wenn ich ein Gedichtsel mache, dann mache ich es und sage ich es, und dann ist es weg. Denn was gesagt ist, ist gesagt, und dann ist es weg. Meine Kunst braucht keine Bücher so wie deine. Und ich würde ja gar keine Bü­cher schreiben wollen würde ich. Dazu ist mir meine Kunst zu schade. Weißt du, was ich meine?“

„Also“, sagte ich, „die Menschheit wird es dir zu danken wissen, dass ich der einzige bin, der deine Gedichtsel zu hören be­kommt und dass du keine Bücher schreiben willst.“

Lilu verstand die Ironie, die in meinen Worten steckte, nicht. Ich aber sagte wei­ter: „Es ist wirklich schön, dich zum Freund zu ha­ben.“ Das zauberte sofort ein zufriedenes Lächeln auf sein Ge­sicht.

Nächsten Mittwoch folgt die Lilugeschichte „Thimo statt Timo“.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

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