Lilu – Der Druck lässt nach/Teil 2

Namenloses Glück

Für manche Leute ist Kitsch eine Abart der Kunst und deshalb ei­gentlich keine Kunst. Für mich ist Kitsch Kunst, die ich aller­dings nicht besonders schätze.

Als ich am S-Bahnhof Isartor von der Rolltreppe nach oben getra­gen wurde, überkam mich eine plötzliche Zufriedenheit. Ist es kit­schig, darüber zu schreiben? Ich fühlte mich wohl wie lange nicht mehr, alles war schön, alles war friedlich. Das Leben, die Welt, der Mensch und ich mit ihnen waren ein harmonischer Akkord. Ich pries mich glücklich, der zu sein, der ich war. Wenn ich auch nur annähernd Louis Armstrongs Stimme gehabt hätte, dann hättet ihr mich singen hören: What a wonderful world!

In solchen Augenblicken durch­zieht das Glück, wenn auch nur vor­übergehend, ein Hauch von Ewig­keit. Mancher mag das als Kitsch empfinden, aber meine Beschreibungen entspre­chen dem, was ich da­mals auf der Zweibrückenstraße fühlte auf dem Weg in das Volksbad. Ich war nun einmal von einem namenlosen Glück erfüllt und schickte deshalb sogar ein kurzes Stoßgebet der Freude zu Gott. Ich spürte, dass die Tür des Himmels offen ist und ein leichter Zug der himmli­schen Seligkeit über diese Welt wehte.

Diese Stimmung der Leichtigkeit, die keinen Zweifel am Sinn die­ses Lebens zulässt, lud mich zum Schlendern ein. Ich wechselte die Straßenseite und ging in ein Buchgeschäft, in dem es ein großes Sortiment an modernem Antiquariat gab. Ich blätterte hier und blätterte da, über­legte, ob ich nicht das eine oder andere Buch kaufen sollte. Schließlich ließ ich es bleiben und ging mit leeren Händen weiter, ging vorbei am Deutschen Patentamt, über die Lud­wigsbrücke und vorbei am Kongresssaal des Deutschen Museums, den Otto Waalkes bei ei­nem Auftritt hier einmal als surrealistische Garage bezeichnet hatte. Ich wechselte wieder die Straßenseite, und über der Isar hielt ich inne und erfreute mich an dem Ausblick bis hinüber zum Friedensengel, der golden in der Sonne glänzte. Leider störte der dröhnende Verkehrs­lärm das Ohr am Genuss des Rau­schens und Säuselns, das aus dem Wasserlauf der Isar, eines Flus­ses, der eher einem kleinen Bächlein gleicht, und den Blättern der Bäume und Sträucher bestand, die auf der Insel unter mir wuchsen. Einige Sonnenanbeter taten, was ich nie tun würde, sie setzten sich splitternackt der prallen Sonne aus. Einer war beson­ders gewitzt und sonnte sich im Stehen, während er eine Zeitung las. Vermutlich drehte er sich im Laufe des Tages mit der Sonne um die eigene Achse.

Am Ende der Brücke ging ich schließlich links die Treppe hinunter und stand vor dem Volksbad. Ich war voller Freude über die Stunden wahrer Muße, die mich erwarteten. Wer an der Pforte zum Volksbad einen Knopf in der Seele hat, dem geht er wie von selbst auf, und es ist schier undenkbar, dass es an diesem Flecken der Erde auch nur den Gedanken an ein Problem geben könnte. Alles löst sich im Wohlge­fallen dieses Jugendstilbades aus der Jahrhundertwende auf. Was hier zählt, ist leben und leben lassen. Hier ist alt und jung bei­sammen. Ab und zu sucht auch die Prominenz Zuflucht in diesem Hause, Reinhard Glemnitz oder Konstantin Wecker beispielsweise. Hier sind alle gleich.

Schon bald sah mich ein Mann um die vierzig in jenem Zustand, der für gewöhnlich Toni vorbehalten ist. Aber auch ich sah ihn nackt und wieder nicht. Nacktsein verdient hier keine Beachtung.

Ich hatte nur noch die Sandalen an, als ich mich auf den Weg in die Badestuben machte. Ich weiß nicht, ob dieser Teil des Volksba­des mit „Badestuben“ richtig bezeichnet ist; ich nannte ihn seit jeher so. Ich betrat das Herzstück des Dampfbades, in dem man dusch­te, nach der Erhitzung im Dampf oder in den Heißlufträumen durch das Kaltwasserbecken schritt und untertauchte, um sich anschlie­ßend in das warme Wasser in einem runden Becken zu versen­ken. An der Wand das Schild: „Steig’ bitte gereinigt in das Becken,/ sonst bekommt das Wasser „Flecken!“ Über den beiden Becken wird vor dem Einspringen wegen des nur 90 bzw. 110 cm hohen Wasserspiegels gewarnt. Wer hier Lust verspürt, in das Becken zu springen, gehört ohnehin nicht ins Dampfbad.

Ich hängte mein Handtuch an einen der vielen Haken und duschte. Die Duschen befinden sich links und rechts im Raum, ohne eine schützende Wand vor neugierigen Blicken, wie man das sonst kennt. Einer prustete und schnaubte gerade durch das Kaltwasserbecken, nur um sich sofort von diesem Stress im Warmwasserbecken zu erho­len. Das Dampfbad wäre nichts ohne das Warmwasserbecken.

Es war Familientag. Deshalb ging es etwas hektischer zu als an den Tagen, in denen hier nur die Männer Zutritt haben. Immerhin schien die Sonne mit ganzer Macht, so dass sich viele lieber drau­ßen auf­hielten anstatt hier zu baden.

Nun war es soweit. Endlich konnte ich eintreten in den von einer einzigen heißen Wolke ausgefüllten Dampfraum. Ich stemmte mich ein wenig gegen die schwere Türe, in deren Mitte sich so etwas wie ein Türklopfer befand, ein Untier aus mythologischen Zeiten – in mei­ner Erinnerung ist es eine Kreuzung zwischen dem Schlangenkopf der Me­dusa und einem Löwen. Im Maul trägt es einen großen, von einem lan­gen, einer Schlange nicht unähnlichen Etwas umwundenen Ring, der eben an einen Türklopfer denken lässt. Doch welche der nackten Ge­stalten käme hier auf die Idee, vor dem Eintreten in den Dampf an­zuklopfen?

Ich suchte mir auf der unteren Steinbank einen Platz und setzte mich. Vor der Dampfdüse, aus der der Dampf mit brüllendem Lärm in diesen run­den, von einer Glaskuppel umwölbten Raum strömte, bil­dete sich eine kleine Schlange von drei Personen, die bestimmte Körperpar­tien möglichst unmittelbar dem Dampfstrahl aussetzen wollten. Vielleicht erhofften sie sich Linderung irgendeiner Krankheit. Nach zehn Minuten ging ich zum Brunnen, der gegenüber der Tür in die Wand eingelassen war. Er bestand aus halbrunden, verschieden großen Becken, die wie die Teile einer mehrstöckigen Hochzeits­torte angeordnet waren. Die­ser Brunnen ist ein wahrer Born der Frische, in dem eiskaltes Wasser sprudelt. Ich tauchte meine Arme hinein und kühlte mein Gesicht ab.

Für mich besteht der Höhepunkt im Dampfraum darin, bei 35 oder 40 Grad eiskalt zu du­schen oder mich aus dem Schlauch von Kopf bis Fuß mit kaltem Wasser abzuspritzen, und dann noch ein paar Minuten im heißen Dampf zu verbringen, ehe ich den Raum ver­lasse und durch das Kaltwasserbecken schreite. Wenn dann mein ange­nehm ermatteter Körper im Warmwasserbecken versinkt, bleibt die Zeit um mich herum stehen. Das Leben wird um eine Dimension reicher.

Anschließend gab ich mich auf einer Liege im Ruheraum einem kur­zen dämmerigen Schlaf hin.

Zeitlosigkeit

Irgendwann in diesem Zustand der Zeitlosigkeit ging ich hinüber ins Schwimmbad und drehte ein paar Runden.

Was im Volksbad milde stimmt, verdankt sich der zierlichen Jugendstilausstattung mit ihren Spielereien, die dem Ernst des Lebens keine Chance lassen. Es gibt keine Aggressivität in den Formen und in den Farben. Nichts ist da, das nur einer Funktion unterworfen wäre, es sei denn der, den Menschen als Ort der Entspannung und Erholung zu dienen. Das Volks­bad ist keine Arena des Leistungs­sports, gerade noch passend für die Isarnixen, die hier ihr Was­serballett einstudieren. Allerdings reizt das Nackte, das sich am FKK-Tag na­turgemäß gehäuft zeigt, doch manches Auge. Männer lun­gern und luren herum, ungenügend versteckt hinter Brüstungen, ohne auch nur ein einziges Mal zu schwimmen. Wohl deshalb gibt es in der Schwimmhalle des Volksbades die FKK-Samstage inzwischen nicht mehr.

Ich spielte mit dem Gedanken, ob ich nicht einen Kopfsprung wagen sollte in das sicherlich zunächst als kühl empfundene Wasser. Doch von derlei Heldentaten nahm ich Abstand und begab mich zur Treppe, die elegant in den Nichtschwimmerbereich des Beckens führte. So tauchte ich langsam ein in das erfrischende Wasser, das mir bis ans Knie reichte. Nackt von Kopf bis Fuß, kam ich mir vor, als be­fände ich mich in einer überdimensionalen Badewanne. Seltsa­merweise spürte ich die sich allmählich auflösende Kühle des Was­sers gerade dort am intensivsten, wo ich sonst die Badehose an­habe, wenn ich schwimmen gehe. Ich stellte mich unter das Wasser, das ein löwenartiger Kopf am Beckenende in breitem Strahl aus­spie. Da­mit war ich endlich ein Teil des Wassers, die Kühle empfand ich nicht mehr, und ich schwamm los. Wenn man es nicht ge­wöhnt ist, hat das Schwimmen im Adamskostüm einen besonderen Reiz. Nach weni­gen Schwimmzügen fragte ich mich, warum in Schwimmbädern Badehosen überhaupt Pflicht sind. Sind die nicht überflüssig? Aber das dach­ten sich die Spanner auf den „Rängen“ da oben sicher auch, die mich zusehends irritierten. Ich beschloss jedoch, mir den Genuss nicht vermiesen zu lassen, und schwamm, wie es mir gefiel. Oder ich tauchte und spielte ein bisschen Kind, das sich einbil­dete, das Wasser wäre Luft und es würde darin schweben.

Wann immer mein Körper flachliegt, sich gewissermaßen verabschiedet von der Welt, alle Fühler und Antennen nach innen ortet, dann spüre ich Gedanken und Träume, die, sonst kaum bewusst wahrgenommen, plötzlich gespensti­sche Gestalt annehmen. Vor meinem geis­tigen Auge spielen sich Dra­men – Tragödien und Komödien – ab, Welten werden geboren und ver­gehen in Windeseile. Wäre dieser Zustand von Dauer, so würde sich mein Ich nach und nach in die flüchtigen Wolken meiner Phantasie auflösen. Aber Zustände wie dieser sind nur nicht von Dauer, sie sind auch äußerst selten in einem Leben, das wie meines so sehr von Terminen regiert wird. Deshalb fröne ich meinen Tagträumen, wann immer ich ihnen eine Bühne geben kann, mit Hingabe.

Ich sah plötzlich, wie neben mir Toni, Thimo und Bea schwammen, wie wir alle durch das Wasser schwebten, wie wir uns unter Wasser gegenseitig Kunststückchen vorführten. Leider ein Traum! Toni kann gar nicht schwimmen, und die Kinder auch nicht. Wenn ich mehr Zeit für sie hätte! Bea beklagte sich in letzter Zeit eher indirekt darüber, dass der Papa so wenig daheim ist. Sie spielte in letzter Zeit mit ihren Puppen das Spiel „Warum ist Papa oft nicht daheim“. Ein grausames Spiel für mich. Vielleicht hätte ich heute doch da­heim bleiben sol­len.

Ob Lilu seine Ankündigung wahrmachen und sein Pimmel-Gedicht vollenden wird? Was immer das bei Lilus Gedichtseln heißen mag. Ich malte mir das Schlimmste aus, ohne es hier wiedergeben zu wol­len oder zu können.

Ich dachte zurück an unsere Begegnung mit dem Großen Bernhardini vom Stamme der Barn­herdinis. Was hatte ich damals für eine Angst! Und wie war ich erlöst, als er uns endlich rauswarf aus seinem riesigen Arbeitszimmer mit einem Schreibtisch so groß, dass ihn das größte Großraumbüro dieser Welt kaum fassen kann. Dieser Bernhardini war vielleicht ein komischer Kauz! Ich stellte mir vor, ich wäre an seiner Stelle und schriebe und schriebe… Das wäre die Erfüllung fast aller meiner Herzenswünsche! Zu leben, um zu schreiben! Nur zu schreiben! Für die Menschen! Ihnen mit Schreiben Gutes tun!

Aber das wusste dieser sog. Große Bernhardini gar nicht zu schät­zen. Dieser Riesenknilch aus dem Liluland bewegte ja nur seinen Stift auf einem endlosen Papierband scheinbar geordnet auf und nieder, ohne wirklich etwas zu schreiben. Das von ihm Geschriebene verflüchtigte sich sofort wieder, löste sich auf in Nichts oder besser: in Wirklichkeit. Da ist doch das ewige Steinerollen eines Sisyphus noch sinnvoller. Was geschähe dann mit den vielen Roma­nen, die in unseren Bibliotheken stehen? Es gäbe keine Romane mehr! Keine Dichtung! Nichts! Alles Geschriebene und Erdichtete wäre nicht mehr Kunst, sondern nur noch Wirk­lichkeit. Phantasie hätte keine Möglichkeit mehr, sich eine Form zu verschaffen. Ich wollte gar nicht weiter darüber nachsinnen. Aber ich musste. Es war wie mit einem Song aus der Werbung, wie mit einem Ohrwurm, den man auch nicht einfach von sich abschütteln kann, der einen hartnäckig verfolgt, fast so hartnäckig wie das Finanzamt. Immer wieder dachte ich an diesen Bernhardini und seine Art zu schreiben.

Diese Gedanken machten mich immer unruhiger. Nur noch mürrisch bewegte ich mich im Wasser, und schließlich stieg ich aus dem Becken. Um mich wieder abzulenken und zu beru­higen, beschloss ich, erneut eine Runde zu dampfen. Bald darauf saß ich wieder im Nebel des Dampfraumes, aber ohne Geduld. Schon nach fünf Minuten und den üblichen Prozeduren lümmelte ich im Warmwassserbecken, was mir tatsächlich ein wenig Linderung und Ruhe ver­schaffte.

Es ist merkwürdig, dass mir damals die Bedeutung des Begriffs der Würde der menschlichen Person, von der man sagt, dass sie unantast­bar sei, aufgrund eines sehr banalen Ereignisses klar geworden war. Der Begriff der Keuschheit wurde mir auch nie so deutlich als bei einer Begegnung mit dem Sonnengesang des hl. Franz von Assisi, in dem er das Wasser als keusch bezeichnet. Die Dreieinigkeit Got­tes ist in mir deshalb so plastisch lebendig, weil der Kaplan, der uns in der Grundschule in Religion unterrichtete, die Flammen von drei Kerzen zusammenhielt, so dass sie zu einer verschmolzen, aber trotzdem drei blieben. Und jetzt, un­ter diesen nackten Men­schengestalten, erkannte ich, was die Würde des Menschen ist. Da­bei war der Auslöser dieser aufblitzenden Erkenntnis, wie schon gesagt, äußerst banal.

Ich lag im Warmwasserbecken und genoss es, wie sich der Druck un­ruhiger Gedanken, die mich bis vor kurzem noch plagten, allmählich in der Wärme des Was­sers zu verflüchtigen begann. Da öffnete sich die Tür, hinter der sich der Massageraum befand. Ein Mann, dessen Körper an einigen Stellen von Schaum bedeckt war – vermutlich ge­hörte das hier zu der Art, wie massiert wird -, trat heraus, um zu duschen, bevor er wieder mit den Heißluft- oder Dampfbädern wei­termachen konnte. Er rief einen Namen, der ebenfalls auf der Liste derer stand, die sich zur Massage angemeldet hatten. Niemand rea­gierte. Da kam ein alter, ge­beugter Mann mit kurzen, fast weißen Haaren aus dem Heiß­luftraum. Dieser Mann sprang sofort helfend bei und rief ebenfalls den fraglichen Namen. Dadurch erregte er meine Auf­merksamkeit. Er hatte eine Stimme, die ich nicht anders als „lieb“ bezeichnen kann. Ich sah diese Gestalt, in deren Nacktheit die Gebrechlich­keit des Todes zu greifen war und die den­noch auch die Einzigar­tigkeit jedes menschlichen Lebens ausdrückte.

Nacktheit ist nicht einfach, wie viele behaupten, Zeichen der Schande des Menschen, der man nur mit Scham begegnen könne; Nackt­heit ist auch Zeichen der Großartigkeit des Men­schen. Nackt ist der Mensch schön, weil… aber was fasele ich da zusammen: Plötz­lich wusste ich, ohne dass ich es bis heute in eigenen Worten ange­messen auszudrücken ver­möchte, was die Würde der menschlichen Per­son ist.

Teil 3 folgt nächsten Mittwoch.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

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