Lilu – Der Druck lässt nach/Teil 1

Im Regen in die Sauna

Das war wieder eine Woche. Eigentlich waren es zwei, weil ich am dazwischen liegenden Wo­chenende, statt frei zu haben, an einer Ta­gung teilnehmen musste. Immerhin hatte ich einen Tag, am Montag, Ruhe. Aber was heißt schon Ruhe! Da gibt es daheim manchen dienst­lichen Kram zu erledigen, nachzubereiten oder vorzubereiten. Au­ßerdem muss die Seele an einem solchen Tag selber erst einmal wie­der ihren Tritt finden. Dazu kam noch, dass die Uhren am Sonntag wieder auf die normale mitteleuro­päische Zeitrechnung ein­gestellt wurden, was mich zusätzlich etwas abspannte. Ab Dienstag ging es dann im Büro bis Freitag weiter mit Sitzungen und Termi­nen, Terminen und Sitzungen. Briefe mussten fertig gemacht werden, und ich hatte den Eindruck, dass pau­senlos das Telefon klingelte, als hätten alle diese Woche ausge­wählt, um anzurufen. Endlich aber wurde es Freitag! Für diesen Tag nahm ich mir fest vor, endlich wieder ein­mal in die Sauna zu ge­hen.

Ich fuhr an diesem Freitag mit der S-Bahn nach Hause und war ei­nigermaßen geschafft. Ich las in dem Roman „Ein Mann nach Maß“. In Daglfing stieg eine Frau zu und machte sich sofort über eine her­umliegende Bild-Zeitung her­, als wäre sie nur für sie zurückgelas­sen worden. Ich erkenne die Boulevard-Blätter alleine schon an der Intensität ihrer Drucker­schwärze.

Kurz bevor sich die Türen schlossen, stieg noch eine Frau zu. Leider waren sich beide sehr gut bekannt und nahmen auch sogleich eines jener Gespräche auf, die nie enden und nie begin­nen. Ich weiß gar nicht mehr, worüber gesprochen wurde, ich weiß nur, dass ich nicht mehr konzentriert weiterlesen konnte und die eine der beiden Frauen die Kippfenster links und rechts zumachte, weil die andere Probleme mit den Augen hatte. Ich hatte selber ein Fenster geöffnet, weil ich Probleme mit der stickigen Luft hatte. Zwei Stationen später stieg die Frau mit den Au­genproblemen wieder aus. Die schlechte Luft blieb zurück. Und ich mitten drin.

Dann stieg ein wei­teres Damenpaar ein, das unentwegt aufeinander einredete. Im Mittel­punkt des Gespräches stand ein „Tascherl“. Dieses Tascherl hatte die Dickere der beiden vor eini­gen Tagen gekauft, und es war so schön und gefiel auch ihrem Mann, der über­haupt nicht ge­schimpft hat, weil es so teuer war, Hauptsa­che, es ist eine gute Qualität. „Ach, da ist mein Mann einfach wunderbar, und dann habe ich da noch so schöne „Lackschuherl“ und ein „Kleiderl“ für die Oper gekauft, aber es passt halt nicht zusammen, und jetzt sagt mein Mann, dass ich es um­tauschen soll, und die Verkäu­ferin beim Karstadt hat schon gesagt, dass ich es ohne wei­teres wieder umtauschen kann, wenn es meinem Mann nicht gefällt.“

Mein Roman musste nun endgültig ein anderes Mal weiter­gelesen wer­den. Die Unterhaltung der beiden Damen war so penetrant gegenwär­tig, dass ich mich auf nichts anderes konzentrie­ren konnte.

Die Tage zu­vor war es so spät geworden, dass ich nicht mehr ge­meinsam mit der Familie zu Abend essen konnte. Wenn ich heimkam, lagen die Kinder schon im Bett. An jenem Freitag aber kam ich recht­zeitig heim. Vor dem Abendessen packte ich noch die Sachen für die Sauna zusammen.

Ich hielt mich beim Essen bewusst zurück, um nicht mit schwerem Magen in die Sauna zu kommen. Der inzwischen einsetzende Regen brachte meinen Ent­schluss, noch einmal wegzu­gehen, um keinen Milli­meter ins Wanken. Dabei ist es sicher keine Übertreibung, wenn ich sage, es regnete in Strömen.

Nach dem Essen gingen Thimo und Bea nach oben, um sich zum Schla­fen zu richten. Als sie in ihren Betten lagen und das Abendgebet gesprochen war, ging ich los. Toni meinte, ich solle den Schirm mitnehmen. Ich sagte „ja“, nahm aber doch keinen mit. Ich begnügte mich mit der Kapuze an meiner Jacke.

Ich stapfte über die vom Regen glänzenden Straßen. Die Kapuze war bald durch und durch nass, weil der Stoff nicht wasserdicht imprä­gniert war. Ich nahm sie also, Regen hin – Regen her, wieder ab. Um die Pfützen am Straßen­rand, die sich sehr schnell zu Teichgröße aus­wuchsen, machte ich einen weiten Bogen. Ich wollte keine un­freiwillige Dusche abbekom­men, wenn ein Auto darüber fuhr. Seit ich ein entsprechendes Erlebnis hatte, habe ich großen Respekt vor Regenpfüt­zen. Wenn mir an jenem Abend trotzdem ein solches Missge­schick wider­fahren wäre, hätte es mir, glaube ich, kaum etwas ausgemacht. Ich war so tief in den Genuss dieses Abends versunken, sog die Luft ein und ließ alles Bedrückende für ein paar Augen­blicke einfach beiseite. Endlich wieder atmen, durchatmen, Mensch sein. Was hätte es außerdem ausgemacht? Ich war sowieso schon nass bis auf die Haut.

Ich kam klitschnass am Hallenbad an, zu dem auch eine Sauna ge­hört. Ich freute mich schon aufs Schwitzen. Meine Freude drückte sich allerdings nicht in hek­tischer Aufgeregt­heit, son­dern in un­beschwerter Heiterkeit aus. Deshalb ärgerte ich mich nicht, als mir die Dame an der Kasse sagte, dass Damentag sei. Zwei Tage der Wo­che sind den Damen vorbehalten, be­lehrte sie mich, und heute war ei­ner davon. Es lag wohl an dieser unbeschwerten Heiterkeit in mir, dass mir das egal war. So drehte ich mich kurzer­hand um und ging wieder heim.

Ich musste klingeln, weil ich den Schlüssel nicht mitgenommen hatte. Toni sah mich leicht verdutzt an, weil ich schon wieder zu­rück war und das Regenwasser von meinen Haaren tropfte. Dann lachte sie, und ich lachte mit. Sie dachte sicher wie ich an jene Nacht, da ich von einer Sit­zung heimgekehrt war, an jenes Erleb­nis, von dem ich andeutungs­weise schon erzählt habe. Ein Taxi hatte mich derart mit Wasser vollge­spritzt, dass ich aussah, als hätte man eine Badewanne über mir entleert. Damals fragte sie an der Haustüre: „Hast du denn keinen Schirm dabei?“ Und ob ich einen dabei hatte! Aber das Taxi spritzte mich von unten nach oben voll.

„Die haben heute nur für Frauen auf“, sagte ich.

„Du hättest anrufen sollen.“

„Stimmt. Ich habe auch mit dem Gedanken gespielt. Aber ich wollte dann doch nicht. Ich bin trotzdem froh, dass ich wenigstens draußen war. Es war so schön, durch den Regen zu schlendern. Ich könnte ja vielleicht morgen ins Volksbad gehen zum Dampfen.“ Zum Dampfen: Damit war das Dampfbad gemeint.

Nackt ist nicht FKK

In München gibt es viel FKK, vielleicht mehr als in anderen Städ­ten. Wenn sich alle Men­schen dieser Welt auf einmal bis auf die Haut auszögen, wäre die Zahl Nackter etwa in New York, Tokio, Me­xiko oder Berlin gewiss größer als in München, weil diese Städte mehr Einwohner haben. Aber nackt ist nicht FKK. FKK heißt soviel wie „Nackt im Freien“. Man­che sagen „Nackt in Freiheit“ oder sogar „Nackt ist Freiheit“. Das ist natürlich beides Un­sinn.

Als ich mich am nächsten Tag, nach dem Mittagessen, auf den Weg machte, versprach ich Thimo und Bea, nach Möglichkeit zwei Nasen für sie mitzubringen, weil ihnen jeweils eine fehlte.

„Jeder Mensch hat zwei Nasen“, sagte ich und zählte. Bei „Eins“ führte ich den Zeigefinger der einen, bei „Zwei“ den der anderen Hand an meine Nase.

„Seht ihr, ich habe zwei Nasen. Also muss ich zusehen, dass ihr auch zwei habt. Wie das sonst aussehen würde! Da würde euch jeder auslachen.“

„Neiiiin!“ riefen sie wie aus einem Munde. „Wir brauchen keine Nasen! Aber ein Überra­schungsei kannst du uns mitbringen, wenn du willst.“

„Wenn euch das lieber ist und wichtiger als eine zweite Nase, bittesehr. Ich will mal sehen, ob ich eins finde für euch. Aber das müsst ihr euch teilen.“

„Warum?“

„Na klar, für jede Nase ein Überraschungsei. Und ihr habt ja nur eine Nase.“

„Nein, Bea hat eine und ich habe eine.“

„Richtig, ihr habt eine Nase. Also ein Überraschungsei für euch zwei. Oder soll ich euch nicht doch besser zwei Nasen mitbringen statt des Überraschungseis?“

„Neiiiin, zwei Überraschungseier!“

„Naja, ich werde es mir überlegen. Jetzt muss ich aber gehen, sonst fährt die S-Bahn ohne mich davon.“

Das Karl Müllersche Volksbad gehört in gewissem Sinne auch zu den FKK-Zonen Mün­chens, gehörte schon dazu, noch bevor der Stadtrat beschlossen hatte, den Englischen Gar­ten, den Isarstrand und was auch immer in Nackt und Nichtnackt einzuteilen und – deutscher Sitte gemäß – mit Schildern darauf hinzuweisen: „Ab hier Nacktba­degelände“. In Gedanken möchte man hinzufügen: „Betreten auf ei­gene Gefahr. Eltern haften für ihre Kinder.“

Im Volksbad, schräg gegenüber dem roten Musen- und Kulturklinker­steinpalast am Gasteig mit einem riesigen blauen Punkt als Kunst am Bau, geht das so: Jeden Samstag, Schlag 13.00 Uhr, ziehen die, die schon den Vormittag über da waren, die Badehose aus, und die, die jetzt erst kommen, ziehen sie gar nicht erst an. Wer sich nicht auszieht, kann zwar ange­zogen bleiben, aber bleiben darf er nicht. Er muss verschwinden. Ab 13.00 Uhr, sams­tags, herrscht Nacktbetrieb im Volksbad, FKK eben, wie das im Bä­derprospekt genannt wird. Meine Definition „Nackt im Freien“ gilt hier – die Ausnahme bestätigt die Regel – nicht. Nacktbaden passt zum Volksbad. Hier zählt nur der Mensch, der sich der Muße hinge­ben will. Schwim­men dient hier der Erholung und Entspannung, und nicht in erster Linie der Ertüchtigung. In den meisten anderen Hallenbädern fühle ich mich nicht besonders wohl. Wehe, man schwimmt einmal nicht stur die Bahnen entlang! Man erntet sofort giftigen Pro­test. Diszi­plin gut und schön, aber man kann es auch übertreiben. Alles wirkt so getrimmt. Immer hat man den Eindruck, man muss nach neuen Rekor­den streben und darf sich nicht einfach vergnügen. In diesen Bädern würde ich FKK als wahrhaft degoutant, entwürdigend empfin­den. Splitternackt seiner Fitness-Sucht zu frönen – alleine bei dieser Vorstellung schaudert es mich. Die alten Griechen, die nach der Überlieferung ihre athletischen Kämpfe, bei Ausschluss der weiblichen Öffentlichkeit, nackt ausgetragen haben – die alten Griechen mögen es da getrieben haben, wie sie wollten.

Wie man mir erklärt hat, hängt der FKK-Betrieb im Volksbad am Samstag Nachmittag mit dem Dampf- und Heißluftbad im Hause zusam­men. So können die Dampfbadbesucher ohne größere Umstände zwischen ihren Schwitzbädern in die Schwimmhalle gehen. Dieses Ver­gnügen sollte mir nun auch bald ge­gönnt sein. Die S-Bahn fuhr leise zuckelnd dahin, und ich nutzte die Zeit einmal zu nichts anderem als mich dem Genuss der Vorfreude hinzugeben, obwohl ich wieder „Ein Mann nach Maß“ dabei hatte.

Teil 2 folgt nächsten Mittwoch.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

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