Lilu – Aufstehen und eine Reise tun/Teil 3

Blöd

Ich versuchte gar nicht erst meine Grummeligkeit zu verbergen, als ich über den Bahn­steig zum Zug ging. Mit einer Wucht, derer man nur mit einem gewissen Körpergewicht fä­hig ist, hievte ich mich über die Gitterrosttreppe in den Zug. Ich suchte mir einen schönen Platz im Großraumwagen und dachte mir, als ich mich setzte: Recht hat er ja irgendwie. Ich bin schon irgendwie blöd. Aber schließlich kann ich blöd sein wie ich will und so oft ich will. Das muss er mir ja nicht gleich sagen. Das geht diesen Lilu eigentlich auch gar nichts an, diesen…

„Tststs!“ machte es da ganz nahe an meinem Ohr. „Du solltest nicht weiterdenken, sonst könnte ich beleidigt sein könnte ich.“

„Was geht dich das an, was ich denke?“ legte ich los und bereute es auch schon wieder. Völlig entgeistert riss ein Fahrgast und noch einer und noch einer, und noch ein paar rissen ihre Köpfe zu mir herum. Ich lächelte nur etwas dümmlich, während mir Lilu ins Ohr flüs­terte:

„Na, da haben wir uns aber wieder schön daneben benommen. Du musst dir angewöhnen, denkend mit mir zu reden. Wenn ich auf deinem Ohr sitze, geht das ganz gut. Hier kriege ich alle Regungen und Strö­mungen deines Hirns deutlich mit.“

„Was machst du überhaupt auf meinem Ohr?“ dachte ich zu Lilu.

„Ach, ich mach’ es mir bequem. Von mir aus kann’s losgehen. Wann fährt dieser Zug?“

„Von mir aus auch“, sagte ich, aber zum Glück leiser als vorhin. Niemand reagierte, kein Kopf drehte sich entgeistert zu mir.

Endlich! Endlich! Endlich fuhr der Zug an. Endlich ging es nach Mannheim! Verspätet zwar, aber doch. Langsam und stetig schlich der Zug aus dem Hauptbahnhof Münchens, und als er in voller Fahrt auf sein erstes Ziel, Augsburg, zubrauste, war mein Griesgram wie weggeblasen. Ich ergab mich ganz dem Gefühl der Geschwindigkeit. Und schlief ein; ich dös­te vielmehr und träumte an der Oberfläche des Schlafes. Hin und wieder blinzelte ich aus dem Fenster. Kurz vor Augsburg kam der Schaffner, um die Fahrkarten zu kontrollie­ren: „Ihren Fahrschein bitte!“

Ob sie zuhause noch am Frühstückstisch saßen? „Semmel mit But­ter!“ oder „Brot mit Butter!“ forderten die Kinder immer, und das hieß, dass auf das Brot bzw. die Semmel und unter die Schokokrem eine Schicht Butter geschmiert werden sollte. Und während Toni für den einen schmierte, rief der andere schon: „Milch! Noch was rein!“

Bei all dem fröhlichen Geschmatze und Geschlürfe, das sich bei Tische ausbreitete und der Nachweis für den gesunden Appetit der Kinder war, fand Toni kaum die Zeit, selbst das Frühstück zu ge­nießen.

Ich döste wieder vor mich hin und verbrachte gut eine Stunde eher schlafend als wach. Da beunruhigte mich die Frage, ob ich in den Speisewagen gehen sollte, um Kaffee zu trinken. Das DSG-Team hatte mich schon in mehreren Lautsprecherdurchsagen willkommen gehei­ßen: „Das DSG-Team heißt Sie recht herzlich willkommen.“ Oder war es Lilu, der mir diese Idee einflößte? Jedenfalls sagte er:

„Hm, du hast recht. Kaffee wär’ jetzt nicht schlecht. Aber ich trink’ nur Tee, Pfefferminz oder Kamille. Heute will ich Kamille. Ich mag aber auch Malve. Schwarz mag ich nie. Wenn, dann nur mit viel Zucker. Aber heute sowieso nicht.“

Was faselte der da? Zum großen Lulibus nochmal! So geht das aber nicht!

„Halt d…“ Den Rest versuchte ich unter einem vorgetäuschten Hu­stenanfall zu ersticken.

„Halt deinen Schnabel!“ dachte ich voller Wut zu Lilu. „Auch wenn du deinen beläm­merten Tee nur fingerhutweise trinkst: Die Gedanken sind frei und gehen dich nichts an. Und wenn ich Kaffee trinke, dann tue ich es, wann ich will. Und nicht, wann du glaubst, dass ich will.“

„Aber ich weiß, dass du willst.“

„Woran sieht man das? Ich denke mir, ich will Kaffee, und bleibe hier sitzen, hm? Was sagst du nun, hm?“

„Wer ist dieser Lulibus?“

„Jetzt gehe ich Kaffee trinken.“

Ich schnellte aus dem Sitz und marschierte schmollend in den Speisewagen, während Lilu auf meinem rechten Ohr ritt. Oder war’s das linke?

Technik

Technik ist eine schöne, ja faszinierende Sache. Ganz zu Recht spricht man von den „Wunderwerken“ der Technik. Dennoch muss ich gestehen, dass ich ein technischer Mensch nur als Nutznießer bin. Als aktiver Mitgestalter der Technik eigne ich mich überhaupt nicht. Das ist mir zu abstrakt. Deshalb ist es nur allzu verständ­lich, wenn ich die Tatsache, dass ein Zug nach stundenlanger Fahrt – von Amsterdam nach München etwa – pünktlich, vielleicht sogar mit drei Minuten „Verfrühung“, seinen Zielbahnhof erreicht, auf der Habenseite des Kontos der Technik verbuche. Ja mehr als das, der Mensch als der Schöpfer komplizierter Fahrpläne steigt in mei­ner Achtung bis in die Sphäre des Bewundernswerten.

Demgegenüber habe ich keinerlei Verständnis dafür, dass ein Zug – zumal in Augenbli­cken, in denen ich mir Notizen mache – nicht in der Lage sein soll, ohne die geringste Er­schütterung über die Gleise zu gleiten. Statt dessen schunkelt er durch die Landschaft, und ich frage mich, ob sich die Technik hier im Vergleich zu frü­heren Jahren wirklich verbes­sert, vervollkommnet hat. Dann kommen schon mal hämische Gedanken in mir hoch: „Sieh an! Sieh an! Das also ist die vielgepriesene technische Perfektion! Man fliegt auf den Mond, man entwickelt alle Daumenlängen eine neue Computergene­ration – was bedeutet, dass der Computer nie perfekt ist -, aber die Züge wackeln, wenn ich etwas schreiben will.“

Übrigens sind auch notorisch besetzte Toiletten in überfüllten Zügen nicht gerade ein Ruhmesblatt für eine Technik, die, von Men­schen für Menschen gemacht, menschlich sein will. Von wegen!

Dabei sage ich noch gar nichts von einem Lok-Schaden, der die schöne Reise auf offener Strecke für unbestimmte Zeit stoppt, ob­wohl das schlimm genug ist. Da wird es ungemütlich in den Abteilen eines IC. Die Klimaanlage fällt aus. Es ist klar, dass gleichzeitig das Zugtele­fon streikt, das Münze um Münze schluckt (DM 5,00…DM 5,00…DM 5,00…) und ein na­hezu volldurchrauschtes Ge­spräch von unbestimmter Dauer – einige Sekunden allenfalls – be­schert. Man braucht sich nur die Filme von Charlie Chaplin oder Laurel und Hardy anzuse­hen, dann weiß man, was ich meine: Mit der Technik ist schwer auszukommen als Mensch.

(Es ist seltsam, dass ich diese Zeilen gerade jetzt, auf der Reise nach Bonn, schreibe, da ich im IC 628 „Stolzenfels“ nach der fast pünktlichen Abfahrt vom Hauptbahnhof Frank­furt/Main sitze und sitze, und der Zug nicht zieht und nicht zieht… und nun wieder – nach vierzig Minuten – in den Bahnhof zurückgeschleppt wird. Da sieht man manche Wutfalte in den Gesichtern unduldsamer Geschäfts­reisender, obwohl man sich gerade jetzt sehr erfolgver­sprechend in der christlichen Tugend der Geduld üben könnte – weil ja doch nichts zu ändern ist. Das Telefon ist natürlich auch ka­putt. Es schluckt nur und spuckt wieder aus.

Wahrscheinlich ist es die nackte Verzweiflung, wenn eine Reisende den über allem ste­henden Kellner, der soeben aus dem Speisewagen kommt, fragt, ob denn die Anschlusszüge dort und da noch erreicht würden. Ein Zucken mit der linken Schulter – an der rechten befin­det sich der Arm mit einem Tablett voller Getränke, die in der er­sten Klasse geordert worden sind – und ein fürchterlich höfliches „Tut mir leid, da bin ich überfragt, dafür ist der Schaff­ner zu­ständig“ stacheln die Verzweiflung nur noch an. Wo ist der Schaff­ner?

Und schließlich – der Schaffner eilt vorüber, wird angehalten, die Frage im Flüsterton der Angst wiederholt – weicht die Ver­zweiflung der Gewissheit über die Ausweglosigkeit der Si­tuation: „Nein! Auf keinen Fall! Tun Sie doch was! So tun Sie doch was! Ich fahre nur noch mit dem Auto!“ Dass dies keine leere Drohung ist, glaubt man sofort.

Wenigstens lächelt dieser Herr jetzt, der nach mehreren fehlge­schlagenen Versuchen aus der Te­lefonzelle zurückkommt. Endlich hat das wichtige Telefonat mit der Bank geklappt, der er offenbar an gehobener Position angehört. Ir­gend jemand solle in Aachen wegen einer Vorstandssitzung anrufen, zu der es bei ihm nun endgültig nicht mehr reiche. Im Großraum­wagen wird man häufig unfreiwillig Ohrenzeuge von Telefongesprächen. Im Lärm des Zuges und im Rau­schen des Telefons heben die meisten, den Telefonhörer in der Hand, die Stimme an. Nun lächelt er gläsern wie ein Mann nach ei­nem sexuellen Triumph. Habe ich nicht noch kurz zuvor das Wort „Scheiße“ aus seinem Munde vernehmen müssen, als er bei seinem er­sten Telefonversuch nach wenigen Sätzen urplötzlich nur noch mit diesem Stück grauer Plas­tik sprach? Wo Wut sich zu Scheiße verwan­delt, weil es mit der Kommunikation nicht so klappt, muss ein un­freiwilliger Zeitgewinn im Spiel sein, der auf der anderen Seite mit nicht stinkendem Geld zu tun haben muss, das nunmehr im immer fließenden Fluss von Zeit und Geschichte zu versickern droht. In diesem Falle ist Zeit nicht Geld. Oder so. Zurück zum Text!)

Als ich mit Lilu auf dem Weg in den Speisewagen war, musste der IC eine unvorhergese­hene Mulde oder eine Talfalte durch- bzw. über­fahren haben. Eine von außen auf mich ein­wirkende Kraft presste mich an die Wand des Waggons, und Lilu krallte sich mit äußer­ster Anstrengung an meiner Ohrmuschel fest. Am Ende des Ganges sah ich einen IC-Betreuer, der seine liebe Mühe damit hatte, ein Ta­blett mit Kaffee und Bier und Wasser und Gläsern und Tassen nicht fallen zu lassen. Das wäre ein schönes Malheur gewesen. Eigenar­tig, dass Unfälle dieser Art im IC einigermaßen selten sind.

„So gefährlich kann Technik sein“, räsonierte ich in Gedanken schon wieder los und zog für einen Moment in Erwägung, mich von nun an für immer und unwiderruflich auf die Seite der Technikfeinde zu schlagen.

Ich sah, als ich an den Abteilen vorbeischwankte – wir durchbrau­sten offenbar gerade einen künstlich erzeugten Windkanal, in dem sich angehende Astronauten auf ihre Weltall­missionen vorbereiten müssen -, dass mindestens jeder dritte der Reisenden in einer Zei­tung las oder in einer Illustrierten herumblätterte. Die exotisch­sten Blätter des Pressegartens ge­deihen nach wie vor unterwegs. Daneben ziehen sich immer mehr Menschen, dies war für mich eine neue Beobachtung, in die Abgeschiedenheit eines rasenden Zuges zu­rück, um mit­hilfe eines sog. Walkmans hingebungsvoll und mit fast opferbereiter Sauertöpfigkeit einer wabbelnden und schwirrenden Musik zu lauschen.

Skeptisch blickte ich auf die vielen, Lebensernst und Arbeitswut und grenzenlose Lei­stungsfähigkeit ausstrahlenden Aktenköfferchen, in denen sich Papiere, Papiere, Papiere, Papiere, Dokumente aller Art, monumentale Terminkalender, Diktiergeräte und die neueste Ausgabe vom Playboy verbargen. Das moderne Reisen steht eben nicht mehr unter dem Motto, dass der Weg schon das Ziel sei. Vielmehr ist dieses Ziel als ungenutzt vertane Zeit entlarvt worden. Einfach so dasitzen und reisen gibt es nicht. Und wenn man nur mit so ei­nem Köfferchen die stete Bereitschaft zur unmusischen Arbeit signali­siert. Dabei sitzen die Erwachsenen oft weitaus ungeduldi­ger als die Kinder, die sich am bloßen Schauen freuen, das Leben vorbehaltlos genießen können. Doch leider wird ihnen diese Fähig­keit systema­tisch ausgetrieben, weil auch sie dem Gesetz des ewi­gen Erfolges zu dienen haben. Die Er­wachsenen genießen das Leben nur dann, wenn es etwas gekostet hat.

Teil 4 folgt nächsten Mittwoch.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

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