Lilu – Gesehen hat ihn nur einer/Teil 3

Neugier

Lilu hatte seinen Tee bald leergetrunken. Die Vernunft gebot mir, endlich zu schlafen. Da war ich eigens sehr früh zu Bett gegangen, um ausgiebig zu schlafen. Doch irgendwie war ich nun, nachdem ich Lilu ins Bett getragen und mich schlafen gelegt hatte, aufgekratzt wie vor einer langen Reise, so dass ich mich unter der Decke nur hin und herwälzte. Eine Mischung aus Freude und Neugier war es, die mich wach hielt, obwohl ich unablässig gähnte. Aber wahrscheinlich gähnte ich regelrecht gegen den Schlaf an. Was mochte wohl in dem Zimmer über mir vor sich gehen? Dort wo ich für gewöhnlich mit der Erfindung von Geschichten beschäftigt war oder für meinen Dienstgeber, den öffentlichen Dienst, diverse Arbeiten erledigte, hauste, für mich seit einem halben Tag sichtbar, ein Mensch namens Lilu, kaum größer als ein Fingerhut.

Ich probierte alle möglichen und unmöglichen Lagen durch, um endlich die zum Einschlafen passende zu finden. Ich klemmte mir die Bettdecke zwischen die Beine, drehte mich von der rechten auf die linke Seite und wieder zurück, legte mich auf den Bauch und vergrub förmlich mein Gesicht im Kissen… Schließlich wurde es mir zu dumm. Ich stahl mich aus dem Bett und schlich, ohne mir den Bademantel umzulegen, weil ich meine Toni nicht wecken wollte, eine Treppe höher ins Arbeitszimmer. Ich machte nirgends Licht und vermied, so gut es eben ging, jedes Geräusch. Gegen das Knarzen der Treppe gab es freilich keine Vorsicht, die groß genug gewesen wäre, es zu verhindern. Aber zum Glück wurde niemand wach.

Ich hielt für ein paar Sekunden die Luft an und stellte mich, was zwar völlig unsinnig, aber aufgrund meiner angespannten Nerven durchaus verständlich war, auf die Zehenspitzen, als ich die Klinke an der Tür zum Arbeitszimmer nach unten drückte. Noch immer tauchte der Mond das Zimmer in ein milchig-blaues Licht, das empfindsamen Menschen so viel Ruhe und leise Freude zu schenken vermag oder aber schlaflose Nächte. Als hätte ich dreißig Liegestützen hinter mir, musste ich erst einige Male tief Luft holen.

Den Teil des Bücherregals, in dem nun Lilus Haus stand, hatte ich aus Bequemlichkeit stets freigelassen, da ich mich nur sehr umständlich zu den Büchern hätte hinabbücken müssen. Hier war nämlich die Mansarde am niedrigsten, und das fürchtete ich aus gutem Grunde: Meine Wirbelsäule zählt einen Wirbel und damit eine Bandscheibe mehr als üblich ist. „Normvariante“ nennt das mein Hausarzt. Und weil diese überzählige Bandscheibe etwas schräg „angebracht“ ist, verursacht sie gelegentlich Schmerzen. Ich ließ es allerdings auch leer, weil Kinder, einschließlich der unseren, ein ausgeprägtes Interesse an Büchern haben, verbunden mit dem Drang, sie zu zerfleddern.

Im ersten Stock des Hauses brannte Licht. Leise wie eine Katze pirschte ich mich näher. Ich legte mich auf den Bauch, stützte das Kinn auf die Hände und dachte… nein, ich dachte gar nichts. Ich sah mir nur Lilus Haus an. Dabei schlief ich ein.

Frühstück

Wer schon einmal auf dem Fußboden geschlafen hat, weiß, dass das gar nicht so unbequem ist, wie man sich das vielleicht vorstellt. Natürlich ist es hart, und deshalb bin ich grundsätzlich froh und dankbar darüber, dass jemand das Bett mit Matratze und Decke erfunden hat. Aber zur Abwechslung eine Nacht auf dem blanken Boden zu verbringen, hat durchaus seinen Reiz. Man hat viel Platz ringsum und man kann sich querlegen oder der Länge nach, man kann die Arme ganz nach Belieben zur Seite strecken.

Ich schlief auf meiner harten Unterlage bis in den Morgen. Lilu saß in der Badewanne, als ich erwachte. Für einen Menschen mit „Normvariante“ ist das Schlafen auf dem Boden, wie ich nun feststellen konnte, doch nicht zu empfehlen. Ich konnte mich kaum bewegen vor lauter Schmerzen im Kreuz.

Lilu sang aus voller Kehle und mit Inbrunst undefinierbare Melodien. Das Fenster, in Richtung Garten gelegen, war sperrangelweit offen. Ich rate niemandem, bei geöffnetem Fenster zu baden, es sei denn, das Fenster liegt zu einem Garten hin, der sich in einem Zimmer befindet, z.B. in meinem Arbeitszimmer. Dann hat man es immer schön warm und ist vor Erkältungsgefahr geschützt.

Lilu sang, und ich konnte mich nicht beherrschen. Ich musste lachen. Dabei fand ich die Texte gar nicht so schlecht. Bis heute habe ich nicht vergessen und ich werde nie vergessen, was Lilu zum Besten gab:

1-2-3,

das Essen ist vorbei.

Es schmeckte,

doch ich weiß nicht mehr,

weißes oder schwarzes Meer.

***

Wenn du willst, ich wille

fünfundneunzig Mille,

sag‘ ich Danke und

verschwind‘ in aller Stille.

***

Ein Gedicht

sing‘ ich

jetzt nicht.

***

Es gibt Gedichtse,

die sind nichtse.

Ein Gedicht von mir jedolch es

ist auch ein solches.

***

Heiheihei!

Der Hai, der legt ein Ei.

Und legt der Hai mal Eier,

dann ist der Hai ein Haier.

***

Ich glaube, nie in meinem Leben musste ich so lachen wie damals, als ich Lilu singen hörte. Das war natürlich gemein von mir. Aber den möchte ich sehen, der lieber das Lachen unterdrückt und wie eine Seifenblase zerplatzt, als dass er es rauslässt. Ich jedenfalls lache in so einem Fall.

Dummerweise habe ich mich dadurch verraten. Lilu rannte wutschnaubend auf den Balkon. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, in einen Bademantel zu schlüpfen oder sich wenigstens ein Badetuch umzubinden. Er trug nur die Pudelmütze auf dem Kopf, die er scheinbar nie ablegte. Sonst war er nackt wie ein neugeborenes Baby. Das sah so lustig aus, dass ich erst recht lachen musste. Von seiner Nase tropfte das Wasser, als er auf mich einschimpfte:

„Was fällt dir denn ein, hm? Wo hast du das gelernt, hm? Benimmt man sich so im Stamme der Hubers oder bist du nur aus der Art geschlagen, hm?“

Und ehe ich bis drei zählen konnte – ich schwöre, dass es keine Sekunde länger dauerte -, kam Lilu vollständig angekleidet auf die Terrasse und ging über den Garten auf mich zu. Sein Blick war finster und streng. Ich gebe zu, dass ich mich jetzt unbehaglich fühlte. Dabei war ich doch viel größer und stärker als er. Aber so fühlt man sich einfach, wenn man seinen Freund gefoppt und ausgelacht hat.

Als Lilu an der Grenze seines Gartens und zugleich am Rand des Bücherregals angelangt war, baute er sich gewaltig vor mir auf, und ich erwartete das große Donnerwetter. So stand er eine Weile vor mir, ohne ein Wort zu sagen. Und weil ich noch immer auf dem Boden lag, konnte er mir direkt in die Augen sehen. Ich wurde klein, wirklich ganz klein. Da verzog sich sein Gesicht zu einem breiten, saftigen Grinsen:

„Jetzt hab’ ich dir aber ganz schön Angst eingejagt habe ich, was?“

Nun war es an ihm zu lachen, was er mit der gebotenen Hingabe auch tat.

„So“, sagte er schließlich, „und nun möchte ich frühstücken. Lachen macht hungrig.“

„Gut, ich bring‘ dir etwas“, sagte ich, gerade als Toni zur Tür hereinkam.

„Hier bist du? Was machst du auf dem Boden? Hast du hier etwa geschlafen?“

„Ich wollte sehen, wie Lilu lebt.“

„Aha, Lilu schon wieder! Dein Lachen hört man übrigens durchs ganze Haus.“

„Habe ich euch geweckt? Das tut mir leid“, sagte ich und stand auf. Noch immer taten mir die Knochen weh.

„Sogar nachts bringst du im Arbeitszimmer zu. Dass du immer nur an deine Arbeit denken musst“, schalt sie mich.

„Aber ich habe keinen einzigen Gedanken an meine Arbeit verschwendet“, versicherte ich ihr. Sie nahm mich in ihre Arme und flüsterte mir etwas Schönes ins Ohr. Dann sagte sie: „Wenn du nicht willst, dass ich heute am Sonntag alleine mit den Kindern frühstücke, solltest du dich beeilen.“

Sie ließ vorsichtshalber gleich die Tür offen und ich folgte ihr. An der Tür drehte ich mich noch einmal um, um Lilu zuzuzwinkern und ihm zu sagen, dass ich an sein Frühstück denken würde. Aber er war nicht mehr zu sehen, das Regal war leer wie gewöhnlich. Ich ging traurig nach unten und zog mich an.

Beim Frühstück sagte Toni: „Du siehst gar nicht gut aus heute. Kein Wunder, wenn du schon halbe Nächte im Arbeitszimmer verbringst. Du solltest dich nicht immer mit Krimis befassen. Lass dir doch einmal eine Geschichte mit diesem Lilu einfallen.“

Ich versprach ihr, mir das zu überlegen. Diese Idee fand ich nicht schlecht.

Eine weitere Lilu-Geschichte folgt nächsten Mittwoch. Titel: Aufstehen und eine Reise tun.

Autor: Emsemsem

Ob gereimt oder nicht: Ich mach's und mag's kurz auf Emsemsem.net.

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