Der Riese und die Stadt

Erschöpft sah sich der Riese um. Sein Tagwerk war getan. Er hatte einen Graben ausgehoben und eine Mauer aus Stein um sein Haus errichtet. Warum nur musste er all das machen? Die Menschen aus der Stadt fürchteten ihn und er wusste nicht, warum. Doch aus Furcht taten die Menschen viel Unvernünftiges.

Morgen würden sie hier sein, um gegen ihn zu kämpfen. Seine Freunde, die Waldbewohner, hatten ihn gewarnt, dass sich die Leute aus der Stadt rüsteten und gegen ihn aufbrachen. Er würde sich nicht wehren. Er war es leid, seine Unschuld zu beweisen und sogar gegen die Leute zu kämpfen – selbst wenn er sie leicht besiegen könnte. Er war einfach zu alt für diese Spielereien. Auch wollte er seine Heimat und Freunde nicht verlassen, denn an einem anderen Ort würde es genauso verlaufen und er müsste sich auch dort über kurz oder lang verteidigen. So beließ er es dabei, ihnen morgen den Eintritt zu erschweren, verteidigen dagegen würde er sich nicht. Beunruhigt ging er ins Bett und konnte kaum schlafen.

Schon am frühen Morgen hörte er ihre Stimmen. Sie schrien und johlten, um sich Mut zu machen, und hofften, ihm Angst zu machen. Angst hatte er nicht, nur müde war er – viel zu müde, um sich zu wehren. Langsam wurden die Stimmen lauter und er hörte wie die Steine ihrer Katapulte einschlugen. Allmählich brachen sie ein Loch durch die Mauer, errichteten eine Brücke, um den Graben zu überwinden. Die Stimmen wurden wieder leiser, da sie vermutlich dachten, dass er entweder ausgeflogen sei oder ihnen eine Falle gebaut hätte. Es war sogar so ruhig geworden, dass man eine Nadel fallen hätte hören können. Die Luft knisterte vor Spannung.

Mit einem Rammbock verschafften sich die Leute aus der Stadt Zutritt zu seinem Haus. Der Riese stellte sich schon auf den Tod oder die Gefangenschaft ein. Als die Tür zerbarst, staunte er jedoch nicht schlecht. Zunächst stürmten die ersten herein, stockten aber mehr und mehr. Die Nachfolgenden jedoch drängten weiter und die vorderen stolperten immer mehr herein. Sie schauten ihn nur verdutzt an, da sie ihn nicht im Bett erwarteten. Außerdem starrte er sie nicht anklagend, sondern blickte sie nur an, als ob er ihnen vergeben würde. Unschlüssig sahen sie sich an. Trotz ihrer Angst, hatten sie doch moralische Bedenken, einen Wehrlosen anzugreifen. Nach einer Beratung ihrerseits, versuchten sie, sich zu verständigen. Im Zuge dessen stellte sich überraschenderweise heraus, dass die Städter keine Ahnung mehr hatten, warum sie ihn angreifen wollten. Im Laufe der nächsten Zeit näherten sie sich immer näher an und schlossen schließlich im Laufe der Zeit Freundschaft.

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